Das letzte Ma(h)l

Das letzte Ma(h)l

Predigt am Gründonnerstag zu 1. Kor 11,23-26

Ich habe von dem Herrn empfangen, was ich euch weitergegeben habe:
Der Herr Jesus, in der Nacht, da er verraten ward, nahm er das Brot, dankte und brach's und sprach: „Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird; das tut zu meinem Gedächtnis.“
Desgleichen nahm er auch den Kelch nach dem Mahl und sprach:
„Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut; das tut, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis.“
Denn sooft ihr von diesem Brot esst und aus diesem Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt.

Eigentlich sollte es ein schönes Fest werden.
Sie waren extra dafür heraufgekommen nach Jerusalem,
um hier das Passah-Fest zu feiern.
Der Empfang für Jesus war überwältigend gewesen.

Und nun saßen sie zusammen in großer Runde.
Sie aßen, wie es die Tradition wollte, Brot und Lamm.
Und sie tranken Wein.
Eigentlich ein festlicher, ein fröhlicher festlicher Abend.

Und doch haben sie vielleicht schon gespürt, dass etwas kommen würde.
Vielleicht haben sie geahnt, dass es nicht ewig so weitergehen könnte,
dass sie nicht ewig mit Jesus durch die Lande ziehen würden.
Dass irgendetwas passieren, sich entscheiden würde in diesen Tagen.

Einer wusste es sicher: Judas, mitten unter ihnen sitzend,
und doch schon allein.
Sein Wissen um seinen Verrat trennte ihn schon von den anderen
auch wenn die noch nichts wussten von dem, was kommen würde.

Aber Jesus wusste.
Er wusste, dass dies ein Abschiedsmahl sein würde.
Dass sie nie wieder in dieser Runde zusammensitzen würden.
Dass er sie allein lassen musste.
die, die für ihn alles aufgegeben hatten,
alles stehen und liegen gelassen,
mit ihm gezogen waren, ihn begleitet hatten,
die musste er allein lassen.

So oft hatten sie gemeinsam gegessen,
wo immer sie herumgezogen waren,
sie hatten sich immer für das gemeinsame Mahl Zeit genommen
für die Gemeinschaft am Tisch.

Es war eine offene Gemeinschaft gewesen,
nicht beschränkt auf die, die immer schon dazu gehörten.
Im Gegenteil: Jesus selbst hatte immer darauf geachtet,
dass niemand von seinem Tisch ausgeschlossen wurde.

Er ließ sich einladen auch von denen
mit denen niemand anderes Gemeinschaft haben wollte.
Jesus hatte sich mit ihnen an einen Tisch gesetzt,
auch mit den Zöllnern und Sündern, mit den Verhassten und Verachteten,
den Sonderbaren und kaputten Gestalten.

So hatte er die Menschen verändert.
Kaum einer, der genauso wieder aufgestanden war,
wie er sich zu Tisch gesetzt hatte.
Kaum einer, den Jesus durch das gemeinsame Mahl am Tisch nicht in seinem Herzen berührt hätte.

Jesus hat mit ihnen gegessen und getrunken
und hat sie so wieder hineingeholt in die Gemeinschaft.

Ein bisschen wurde das gemeinsame Mahl zu Jesu Markenzeichen.
Ein Prediger, der nicht Verzicht predigt,
sondern durchaus gerne isst und trinkt.
Der auf die Bedürfnisse der Menschen schaut,
auf ihren Hunger nach Brot und ihren Durst auf Wein.

Aber auch auf ihren Hunger nach Gemeinschaft, nach Nähe,
und ihren Durst nach Anerkennung, nach Liebe und Heilung.

Beides hat Jesus ihnen gegeben,
auf eine Weise, die wir nicht erklären können.
Liebe und Menschlichkeit nennen es die einen.
Göttliche Vollmacht nennen es die anderen.
Und vielleicht ist es Jesu Geheimnis,
dass beides im tiefsten Grund zusammentrifft.

Aber was es auch war, heute,
an diesem Vorabend des Passah-Festes, endet es.
Heute endet dieser Weg.
Wieder mit einem gemeinsamen Mahl.
Einem letzten, einem Abschiedsmahl.

Wenn Jesus an diesem Abend in die Runde blickt,
dann sieht er in sehr vertraute Gesichter.
In Gesichter, die sich ihm ganz anvertrauen.

Männer und sicher auch Frauen, für die er alles war.
Und die mit seinem Tod alles verlieren werden.
Er ahnt ihren Schmerz voraus, ihre Trauer,
das graue Nichts, vor dem sie stehen werden,
wenn er verurteilt und getötet sein wird.

Und er entschließt sich, ihnen ein Zeichen zu hinterlassen.
Ein Zeichen, an dem sie sich festhalten können.
Menschen sind so: Sie brauchen etwas Sichtbares, Begreifbares,
Anfassbares - Worte allein reichen oft nicht.
Zeichen aber sind mit allen Sinnen zu begreifen,
erreichen nicht nur den Verstand, sondern den ganzen Menschen,
wirken tief, bis ins Herz hinein.

Das Zeichen ist das Brot und der Wein,
die sie in den letzten Jahren schon so oft miteinander geteilt haben.
Was sie bisher miteinander verbunden hat,
das soll sie auch in Zukunft miteinander verbinden.
Über den Tod hinaus.

„Das tut, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis.“
Ich glaube, alle am Tisch spüren sofort, was Jesus meint.
Er spricht von seinem Tod - und er spricht so von seinem Tod,
dass es nicht beim Erschrecken bleibt.
Fast tröstlich spricht er von seinem Tod,
obwohl doch der Tod allen Trost verstummen lässt.

Ihm, Jesus, geht es darum, dass sie die Gemeinschaft nicht aufgeben,
auch wenn er nicht mehr in ihrer Mitte sein kann.
Ihm geht es darum, dass sie die Liebe nicht aufgeben,
auch wenn sie durch seinen Tod verbittert sein werden.

Die Mitte wird trotzdem auch in Zukunft nicht leer bleiben.
Selbst wenn Jesus nicht mehr sichtbar ist,
er bleibt die Mitte, um die sich die Jünger versammeln.
Das Abendmahl ist ein starkes Zeichen dafür.

Jesus selbst hat sich in dieses Zeichen gelegt.
Alles, was er an Liebe in seinem Leben den Menschen geschenkt hat,
die Liebe, die seinen Gegnern so verhasst war, dass sie töten mussten,
alle diese Liebe, die er sogar am Kreuz noch für die Menschen empfunden hat,
alle diese Liebe legt er in dieses Zeichen.

Sein Leben und sein Sterben, sein Leib und sein Blut,
alles das soll gegenwärtig werden, wenn die Jünger Abendmahl feiern.

Die Geschichte geht aber weiter.
Das Abendmahl bleibt nicht im Kreis der ursprünglichen Jünger.
Es wird weitergegeben.

Auch Paulus gibt dieses Zeichen weiter.
Direkt vom Herrn habe er es empfangen, sagt er,
obwohl er Jesus selbst ja nie begegnet ist.
Aber er hat das Abendmahl kennen gelernt,
hat erlebt, wie sehr es die, die es feiern, mit Jesus verbindet.
Es muss großen Eindruck auf ihn gemacht haben.

Und so gibt Paulus die Tradition des Abendmahls
an die Gemeinden weiter, die er gegründet hat.
Menschen lernen das Abendmahl kennen,
die Jesus selbst nie gekannt haben.

Denn sooft ihr von diesem Brot esst und aus diesem Kelch trinkt,
verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt.

Für die Menschen, die Jesus nie gekannt haben,
ist es nicht mehr die eigene Erinnerung, die sie damit verbinden.
Unser Blick geht nicht nur in die Vergangenheit, sondern auch in die Zukunft.

Wir verbinden mit diesem Abendmahl eine Hoffnung.
Die Hoffnung, dass Jesus wieder kommt,
dass wir ihn einst kennenlernen werden.

Die Hoffnung, dass seine Liebe auch uns gilt -
und dass wir das irgendwann einmal nicht nur glauben dürfen,
sondern auch von ihm direkt erfahren werden.
Von ihm erfahren bei dem Mahl, zu dem wir gemeinsam mit ihm am Tisch sitzen dürfen,
so bunt und sonderbar und unvollkommen wir auch sind.

Beim Abendmahl ergreift uns die Hoffnung,
dass er uns in seine Gemeinschaft aufnimmt,
so wie er die Jünger in seine Gemeinschaft aufgenommen hat.
Und so wie er mit allen anderen am Tisch gesessen hat und sie verändert hat.

Da kommen wir als ganz unterschiedliche Menschen in der Kirche zusammen,
fröhliche und traurige, stärkere und schwächere,
stolze und niedergeschlagene, hoffende und verzweifelte.

Und im Abendmahl kommt Jesus Christus zu uns allen,
nimmt alle in seine Gemeinschaft auf.
So wie er seine Jünger aufgenommen hat,
mit denen er am Vorabend von Passah am Tisch saß.

Wir hoffen, dass er alles, was an uns verkehrt ist,
alles, was an uns sonderbar und kaputt ist,
allen unseren Schmerz und unsere Wut und unsere Trauer -
wir hoffen, dass Jesus Christus kommt
und uns heilt.

Und dafür haben wir heute schon ein Zeichen.
Menschen sind so, dass sie Zeichen brauchen,
nicht nur damals die Jünger,
sondern auch heute wir:

Wir brauchen das Zeichen, das alle unsere Sinne anspricht,
damit wir es wirklich glauben und in unser Herz hineinlassen,
wenn wir Abendmahl feiern
fröhlich und voller Freude im Herzen,
dass Jesu grenzenlose Liebe auch uns gilt.

Amen.


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