Moral predigen bringt nichts

Moral predigen bringt nichts

Predigt zu Epheser 4,22-32

Der Apostel schreibt: Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel, der sich durch trügerische Begierden zugrunde richtet. Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.
Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind. Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen und gebt nicht Raum dem Teufel. Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr, sondern arbeite und schaffe mit eigenen Händen das nötige Gut, damit er dem Bedürftigen abgeben kann. Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Segen bringe denen, die es hören. Und betrübt nicht den Heiligen Geist Gottes, mit dem ihr versiegelt seid für den Tag der Erlösung. Alle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung seien fern von euch samt aller Bosheit. Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.

Kein Mensch hört gerne Moralpredigten.
Vor allem dann nicht, wenn sie so massiert daherkommen:

Sich nicht von trügerischen Begierden leiten lassen,
nicht lügen, sondern die Wahrheit sagen,
nicht stehlen, sondern fleißig arbeiten.
Nicht lästern, sondern erbaulich reden.
Und so weiter.
Ein Text wie ein einziger großer erhobener Zeigefinger.

Ich glaube, es gibt drei Möglichkeiten, wie man auf so eine solche Moralpredigt reagieren kann,
und je nach Stimmungslage kenne ich alle drei auch von mir selbst.

Die erste ist: Ich schalte ab.
Ich weiß ja eh, was kommt.
Ich weiß, was ein guter Mensch tun und lassen soll.
Ich habe das alles schon hundert Male gehört und frage mich,
warum ich es heute noch ein hunderundestes Mal hören soll.

Das ist die erste Möglichkeit, so einen Text zu hören,
bzw. ihn zu überhören.

Die zweite Möglichkeit ist, und auch die kenne ich von mir selbst:
Ich denke an die Menschen, von denen ich überzeugt bin,
dass der Text sich eigentlich an sie richtet.
Dass sie diesen Text sich mal sehr genau anhören sollten.
Also die, die lügen und betrügen und sich von falschen Begierden leiten lassen.
Jedenfalls in meinen Augen.
Endlich sagt es denen mal jemand.
Hier hört Ihr es, Ihr Lästerer und Heuchler,
Ich sag es ja schon immer, und jetzt hört ihr es auch noch einmal direkt aus der Bibel.

Das wäre eine zweite Art, diesen Text zu hören:
Ihn auf die anderen beziehen, denen endlich mal die Wahrheit ins Gesicht gesagt wird.

Die dritte Art bezieht sich auf mich selbst:
Sie erinnert mich an meine eigenen Fehler,
sie sagt mir, wie ich sein soll.
Und wie ich eigentlich ja auch irgendwie schon bin,
wenn ich nur öfter dazu käme.

Ja, ich weiß, ich schaffe es viel zu selten, die Wahrheit zu sagen
und flüchte mich viel zu oft in Geschwätz, das niemandem nützt.
Ich bin viel zu selten bereit, das, was ich habe, zu teilen.
Und vermutlich ist der Heilige Geist nur allzu oft unzufrieden mit mir.

In gewisser Weise drückt der Text meine Sehnsucht aus,
meine Sehnsucht danach, wie ich sein möchte,
und wie ich viel zu oft nicht bin.

Nur: Dadurch, dass man mir sagt, was ich schon vorher wusste,
wird es nicht besser.
Ich weiß ziemlich gut, was ich falsch mache,
aber deswegen habe ich noch lange nicht die Kraft, das auch zu ändern.

Durch Moralpredigten hat sich die Welt bisher selten bis überhaupt nicht verändert.
Deswegen bleibe ich dabei: Moralpredigten hört niemand gern –
und sie bringen auch nicht viel.

Warum dann dieser Predigttext?
Ich bin bei einem Satz hängen geblieben, der mich seither nicht los lässt:

„Gebt nicht Raum dem Teufel“ – heißt es genau in der Mitte unseres Textes.
Ein Satz, den ich gerne ein wenig näher ansehen möchte,
weil ich glaube, dass hier etwas steht, das über eine handelsübliche Moralpredigt weit hinausgeht.

„Gebt nicht Raum dem Teufel“ – das ist zunächst einmal ein sehr archaischer, sehr fremder Satz.
„Teufel“ hört sich nach Hörnern, Klumpfuß und Schwefelgeruch an.
Nach Unterwelt und ewigem Kampf zwischen Himmel und Hölle.

Darf man als mitteleuropäischer Mensch im 21. Jahrhundert vom Teufel reden?
Nun ja, es kommt darauf an.

Natürlich ist der Teufel nur ein Bild,
Ein antikes Bild, ein mittelalterliches Bild,
ein Bild, mit denen wir moderne Menschen kaum mehr etwas anfangen können.

Solche Bilder haben sich die Menschen gemalt,
weil sie damals Erfahrungen gemacht haben,
die wir bis heute ganz genauso machen:

Damals wie heute erleben wir,
dass es in Gottes guter Schöpfung immer auch das andere gibt:
Das Böse, das Häßliche, das Grausame und Selbstsüchtige.

Mag das Bild des Teufels auch noch so altmodisch sein,
der Sache nach hat sich nichts daran geändert:
Wir leben in der Welt, die nie nur gut ist, sondern immer auch böse.
Manchmal stehen wir fassungslos davor, wenn wir sehen,
was Menschen sich gegenseitig antun können.
In Syrien und im Irak, in der Ostukraine,
zunehmend auch wieder in Israel und Palästina:
Es ist unfassbar, welcher Hass dort regiert,
zu welcher Grausamkeit Menschen fähig sind.

Menschen, die nur kurze Zeit zuvor noch beisammengesessen waren,
vielleicht sogar gute Nachbarn waren,
nun schlagen sie sich gegenseitig mit einer Brutalität die Köpfe ein,
die selbst für uns, die wir sie nur im Fernsehen anschauen, unerträglich ist.
Es ist nicht so schwer zu verstehen, was Menschen mit dem Teufel gemeint haben,
wenn man das sieht.

Aber: Der Teufel, das ist nicht Assad und nicht Putin,
nicht einmal der Islamische Staat ist der Teufel.
Der Teufel, das ist nicht ein Mensch.
und auch keine Gruppe von Menschen.

Wer anderes behauptet –
wer Menschen dämonisiert und zu Teufeln macht,
hat nichts verstanden von Gottes Liebe zu allen seinen Menschen.

Diese Liebe ist es gerade, die der Teufel nicht verträgt.
Das Böse ist die Kraft, die uns trennt.
Die Menschen selbstsüchtig und egoistisch werden lässt.
Die das Band zwischen den Menschen zerschneidet.

Das Böse ist die Kraft, die uns blind macht für die Not und das Leid der anderen.
Der Teufel, wenn wir bei diesem Bild bleiben,
der Teufel rät uns, dass wir uns nur auf uns selbst konzentrieren.
Dass wir unsere eigenen Ziele fest im Blick haben
und alle Menschen, die uns dabei lästig werden, rechts oder links liegen lassen.

Mach’s Dir einfach im Leben, sagt der Teufel,
und flüstert uns ein, dass unter dem Strich nur wir selbst zählen.

Ja, es gibt das Böse. Es steckt tief in uns Menschen.
Wir handeln meistens nicht so, wie sie handeln sollen.
Wir handeln oft noch nicht einmal so, wie wir handeln wollten,
wenn wir einmal über uns selbst nachdenken würden.

„Gebt nicht Raum dem Teufel“ sagt unser Predigttext.
Und ich glaube, das ist sehr viel mehr als nur billige Moralpredigt.
Der, der unseren Predigttext geschrieben hat, weiß um unsere innere Zerrissenheit.
weiß, wie schwer wir uns mit uns selbst tun.
Wie wenig wir Herr im eigenen Haus sind.

„Das Gute, das ich will, das tue ich nicht;
sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich“,
so drückt es der Apostel Paulus im Römerbrief aus
und spricht mir dabei aus der Seele.

Wer nicht Herr im eigenen Haus ist, dem hilft auch kein einfacher moralischer Appell.
Denn der Teufel, um das alte Bild weiter zu gebrauchen, der Teufel steckt in uns
und von ein paar gut gemeinten Ermahnungen lässt er sich nicht austreiben.

Das alles weiß der Verfasser des Predigttextes.
Ich stelle mir ihn als jemand vor,
der selbst die Erfahrung gemacht hat, wie schwer es sein kann,
sich der Einflüsterung des Teufels zu entziehen.

Aber er hat auch die andere Erfahrung gemacht:
Manchmal gelingt es mir, mich zum Guten ziehen zu lassen.
Manchmal spüre ich eine Kraft in mir selbst, mit der ich gar nicht gerechnet hätte.
Darauf will ich in Zukunft achten, mich davon leiten lassen.

Das ist die Botschaft des Textes:
Es gibt jemanden, der zu Dir sagt:
Ich habe dich von dem Teufel erlöst.
Du bist dem Bösen nicht mehr ausgeliefert.
Du hast die Kraft, der Einflüsterung in Deinem Inneren zu widerstehen.
Da ist jemand, der dich heilmachen will.

Wie Jesus Christus die Kranken gesund gemacht,
den Gelähmten wieder auf die Beine geholfen hat,
so will er auch deine Heilung von der Lieblosigkeit und Selbstsucht.
Und wenn Du daran glaubst, gibt das dir eine ungeahnte Kraft.

Die Moralpredigt sagt Dir, wie schlecht Du bist.
Und was Du tun musst, um gut zu werden.

Gott sieht Dich mit anderen Augen an:
Mit den liebenden Augen des Vaters.
Er sieht das Gute in Dir und will, dass Du es auch siehst.
Sein Heiliger Geist schenkt dir die Kraft dazu.

Du hast in Dir ein Gegenmodell zu der Welt der Feindschaft, sagt der Text.
Du hast den Heiligen Geist in Dir – auch wenn Du ihn nicht zu spüren meinst.
Du hast eine Kraft in Dir, die Dich zum Guten zieht.
Sie ist dir geschenkt, sie ist in dir,
ganz sicher nicht weniger real und wirklich als die Kraft, Böses zu tun.

Lass dich davon ergreifen.
lass dich davon begeistern.
Nutz diese Kraft, leb aus ihr,
Mach es Dir nicht einfach.

Denn: Irgendwo muss es doch spürbar werden, dass wir an einen
glauben, der unser Leben verändern kann.

Irgendwo muss es doch spürbar werden, dass wir Christen sind.
Nicht nur am Sonntag zwischen halb 10 und halb 11.
Sondern in unserem ganzen Leben.

Gebt dem Teufel keinen Raum!
Wir werden in diesem Leben immer beides bleiben:
die guten und die bösen,
die hilfsbereiten und die trägen
die mitfühlenden und die kalten
die liebenden und die gleichgültigen.

Aber wenn wir wirklich glauben, dass Gott uns die Kraft zum Guten schenkt,
dann wird es eng für den Teufel.

Amen.


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