Im Licht Gottes

Im Licht Gottes

Meine Predigt am Altjahrsabend 2015 in der Augsburg Barfüßerkirche

Was erwarten Sie, wenn Sie an diesem letzten Abend im Jahr in die Kirche kommen? Die Rückblicke im Fernsehen sind gelaufen. Kaum ein öffentlicher Augenblick dieses Jahres, der nicht noch einmal gezeigt worden wäre, kommentiert worden wäre und eingeordnet von routinierten Journalisten.

Die anrührendsten Momente,
die tragischsten Unglücksfälle,
die wichtigsten Entscheidungen der Politik.
Wir haben 2015, wenigsten was die Medien und die öffentliche Erinnerung angeht,
fein säuberlich geordnet, katalogisiert, in Kisten verpackt.
Eigentlich könnten wir das nun mit gutem Gewissen hinter uns lassen,
wie man eine Jahresbilanz abschließt
um dann eine neue Seite im Saldenbuch aufzuschlagen.
„The same procedure as every year, James“.

Und trotzdem sind wir hier.
Wir spüren, dass das Alte uns geprägt hat, dass es uns noch nicht loslässt. Dass es nicht reicht, sich ein paar Momente noch einmal im Fernsehen anzuschauen, um mit dem Jahr 2015 getrost abschließen zu können.

Wir spüren, dass da noch etwas fehlt.
Der letzte Abend im Jahr,
eigentlich ein Abend wie jeder andere Abend auch.
Herausgehoben nur durch die Zufälligkeit unseres Kalendersystems.

Aber eine gute Gelegenheit, zurückzuschauen, einzuordnen,
in aller Stille, für mich ganz persönlich, und im Bewusstsein,
dass ich damit nicht allein bin.
Dass andere mit mir hier sind.
Und dass wir diese Rückschau gemeinsam vor Gott tun.

Das ist es, was diesen Gottesdienst für mich zu einem meiner
liebsten Zeiten im Kirchenjahr macht.
Dieser Gottesdienst kommt meinem ganz persönlichen Glauben am nächsten.

Denn nichts anderes ist Glaube:
Mein Leben im Licht Gottes sehen.
Das, was mir passiert, was ich erlebe, was ich selbst anstoße,
das alles im Licht dessen sehen, von dem ich glaube, dass er mich begleitet.
Überall hin:
Auf die höchsten Höhen und beim größten Glück
begleitet er mich genauso
wie in die tiefsten Niederungen, in den dunkelsten Stunden.

Für mich kommt es darauf an, dass ich alles, was ich erlebe,
was ich verschulde, was mir passiert –
dass ich das alles Gott sagen kann, ihm anvertrauen kann.

Ich bin mir sicher, dass er nicht mit allem einverstanden ist,
was ich tue.
Ich darf aber genauso sicher sein, dass er alles:
mich, mein Leben,
uns alle, unsere so ganz verschiedenen Leben,
dass er uns alle mit seiner grenzenlosen Liebe ansieht.

Mein Leben im Licht seiner Liebe sehen,
das ist tröstlich, das gibt mir Kraft,
und das ist eigentlich der Kern meines Glaubens.

Denn es ist doch keineswegs egal, in welchem Licht,
mit welcher Perspektive ich auf mein Leben sehe.
Je nach Blickwinkel ändert sich mein Leben,
ändere ich mich, ändere ich meine Einstellung zu den anderen, die mir begegnen.

Ob ich so stolz auf mich selbst bin,
dass ich die anderen kaum noch wahrnehme,
oder so unsicher, dass ich niemandem in’s Gesicht schauen kann.

Ob ich mich so schuldig fühle, dass ich mich kaum selbst ertrage,
oder so selbstverliebt bin, dass ich alles, was falsch läuft, immer den anderen anhänge.

Ob ich mich von Unglücksfällen, von Tod und Krankheit in die Tiefe reißen lasse,
oder ob mich nichts mehr berühren kann, ich allen nur noch meine zynische Seite zeige.

Ich glaube, dass mein Blick auf mein Leben
dass dieser Blick mein Leben ganz wesentlich bestimmt.

Und ich glaube, dass die, die ihr Leben im Lichte Gottes zu sehen versuchen,
dass die einen klaren Blick auf die Wirklichkeit bekommen.
Dass sie sich nicht in Extreme flüchten müssen.
Dass sie nichts beschönigen,
sich aber auch selbst nicht klein machen müssen.

Ich glaube, dass dieser Blick auf das Leben im Licht Gottes
Lebensmut und Lebenskraft und ein hohes Maß an Zuversicht schenkt.
Und dass die, die sich im Licht Gottes sehen können,
dass die auch für andere eine Quelle von Mut und Kraft und Zuversicht sein können.

Das Leben im Licht Gottes sehen.
Der Apostel Paulus hat dafür eindrucksvolle Worte gefunden.
Im 8. Kapitel des Briefes an die Römer schreibt er:

Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein?
Wer will uns scheiden von der Liebe Christi?
Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger
oder Blöße oder Gefahr oder Schwert? (…)
Ich bin gewiss,
dass weder Tod noch Leben,
weder Engel noch Mächte noch Gewalten,
weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges,
weder Hohes noch Tiefes
noch eine andere Kreatur
uns scheiden kann von der Liebe Gottes,
die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.

Paulus weiß genau, wovon er spricht.
Er hat das alles selbst erlebt: Trübsal und Angst,
er hat Hunger gelitten und wurde verfolgt.

Er ist kein schneller Tröster, der mal eben so
ein paar fromme Worte verteilt.
Die Liebe Gottes, von der uns nichts scheiden kann,
sie war seine Kraftquelle, sein Lebensmut, seine letzte Hoffnung,
in einem ganz existenziellen Sinn.

Ich lese aus diesen Worten eine tiefe Dankbarkeit und eine tiefe Zuversicht. Beides tut uns gut an diesem Abend, der zwischen Altem und Neuem liegt, und der uns Gelegenheit gibt, uns selbst zu fragen, wieviel Dankbarkeit und Zuversicht wir spüren zwischen diesen beiden Jahren.

Ich weiß nicht, wie Sie Ihr Jahr 2015 erlebt haben.
ich weiß nicht, wie Ihre persönliche Jahresbilanz ausfällt.

Aber wenn ich auf unser gemeinsames Leben,
auf unsere Gesellschaft schaue,
dann habe ich das Gefühl
dass der Boden unter uns dünner und brüchiger geworden ist im vergangenen Jahr.
Dann scheint mir, dass die Welt ein Stück mehr aus den Fugen geraten ist,
mit all dem Krieg und dem Terror,
mit all dem unfassbaren Wahnsinn, den sich Menschen gegenseitig antun.

Noch geht’s uns hier gut, ist mein Gefühl.
Noch geht’s uns so gut, dass Menschen aus anderen Erdteilen zu uns kommen wollen
und sich die aberwitzigsten Hoffnungen machen auf ein Leben bei uns.
Sie stellen sich Deutschland wie das Paradies vor
oder mindestens wie das Schlaraffenland.

Wer von uns das Jahr 2015 vor Gott bringt,
wird genug Gelegenheiten haben
zu trauern, wütend zu sein, verunsichert zu sein und sich zu ängstigen.

Aber wird sicher auch genug Gelegenheit haben zu danken.
Zu danken für viele Dinge, die uns selbstverständlich erscheinen,
die aber alles andere als selbstverständlich sind.

Mit den Menschen, die zu uns kommen und bei uns Schutz suchen, merken wir, wie wenig selbstverständlich ein Leben in Frieden ist.
Ein Leben, das nicht täglich in Gefahr ist,
nicht von Hunger bedroht,
nicht von den Waffen durchgedrehter Machthaber oder fanatischer Terroristen.
Und – am weltweiten Maßstab gemessen – ein Leben in großem Wohlstand.

Wir haben uns an ein solches Leben gewöhnt und halten es für unseren Verdienst – darüber aber vergessen wir die Dankbarkeit.

Wer dankbar, wirklich dankbar ist,
wird sich nicht an das Geschenkte klammern.
Ich glaube, wer uns, unsere Gesellschaft, die Menschheit im Lichte Gottes sehen will,
der wird nicht denen die Tore vor der Nase zuschlagen,
die mit nichts als ihrem Hemd auf dem Leib zu uns kommen
und unsere Hilfe brauchen.

Natürlich müssen wir das klug machen,
dürfen uns dabei auch nicht selbst überfordern.
Aber Dankbarkeit für unser Leben hier im reichen Deutschland
und eine große Portion Gottvertrauen für die Zukunft,
das wären schon mal die richtigen Ratgeber für vieles,
was wir als Gesellschaft in diesen Monaten zu entscheiden haben.

Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes,
die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.

Für mich ist Paulus ein Vorbild darin,
wie ich mit dem Glauben an Gott durch mein Leben gehen will.
Er weiß sehr gut, was ein Mensch alles durchleben und durchleiden kann,
welche Nöte und Krisen es gibt.
Und wie schwächlich und ängstlich das Leben einen Menschen machen kann.

Aber er hält an Gott fest.
Er hält an dem Blick fest, sein Leben im liebevollen Licht Gottes zu sehen,
und gewinnt dadurch eine fast unverschämt große Zuversicht.

Nein, Gott hat niemandem ein einfaches Leben versprochen.
Gott hat niemandem versprochen, dass es einfach wird, wenn man nur an ihn glaubt.
Gott hat nicht gesagt, dass die Tiefschläge und die Katastrophen
nicht auch die erwischen, die auf ihn vertrauen.

Aber Gott hat versprochen,
uns in alldem nicht von der Seite zu weichen.
Sein Licht nicht von uns zu nehmen.

Und in diesem Licht der Liebe Gottes sehen wir klarer, auf uns, auf die anderen.
Im Licht der Liebe Gottes sehen wir uns klarer
und das, was wir im vergehenden Jahr erlebt haben.
Wir sehen, wo es uns noch schmerzt.
Wir sehen, wo Narben geblieben sind.
Wir sehen, wo wir anderen etwas schuldig geblieben sind.

Nichts davon müssen wir im Rückblick beschönigen.
Und nichts dramatisieren.
Wir dürfen es getrost zurücklegen in die Hände Gottes,
der in seiner Liebe uns diese Last abnimmt.

Im Licht der Liebe Gottes sehen wir die anderen Menschen klarer
und das, was wir mit ihnen im vergangenen Jahr erlebt haben.
Wir sehen, wo sie verletzt wurden und sehen die Wunden, die wir selbst ihnen zugefügt haben.
Wir sehen in diesem Licht, wo wir helfen können und wo wir loslassen müssen.

Wir müssen unsere Schuld im Rückblick nicht kleinreden
und haben auch keinen Grund, uns für unverzichtbar zu halten.

Wir dürfen getrost unsere Liebe, unseren Streit, unsere Ungeduld
all das dürfen wir in Gottes Hand zurücklegen.
Er nimmt uns auch diese Last ab.

Und so, befreit von der Last des Alten,
können wir mit Zuversicht und Gottvertrauen das Neue angehen.
Auch im neuen Jahr wird es nichts geben, was uns abschneidet von der Liebe Gottes.

Amen.


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