Bertolt Brecht, der Glaube und das Singen

Bertolt Brecht, der Glaube und das Singen

Predigt am Sonntag Kantate 2016 zu Kol 3

Predigt zu Kol 3,12-17

So zieht nun an als die Auserwählten Gottes,
als die Heiligen und Geliebten,
herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld;
und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander,
wenn jemand Klage hat gegen den andern;
wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr!
Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit.
Und der Friede Christi, zu dem ihr auch berufen seid in einem Leibe, regiere in euren Herzen;
und seid dankbar.
Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen:
Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit;
mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen.
Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken,
das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn.

„Wie handelt man, wenn man Euch glaubt, was ihr sagt?“
Vor allem das interessierte Bertolt Brecht in seinem berühmten Gedicht: „Der Zweifler“.
Er interessierte sich nicht so sehr für den Glauben.
Dafür um so mehr für’s Handeln.
Ihr Christen: Wie handelt man, wie lebt man, wenn man so glaubt wie Ihr?

Man könnte antworten mit unserem Predigttext:
Freundlichkeit, Sanftmut Geduld.
Das sind die Tugenden, die wir wie Kleider anziehen sollen.
Kleider machen Leute, heißt es.
Und die Liebe, das Erbarmen, das macht uns aus, sagt der Predigttext.
So sollen wir zumindest handeln, wenn wir auf den Kolosserbrief hören.
Tun wir das auch?

Drei Gedanken sind es, die ich dazu heute morgen mit Ihnen teilen möchte.

Mein erster Gedanke lautet: Christen handeln nicht anders als andere Menschen.

Lassen Sie uns also versuchsweise Brecht antworten.
Wir antworten ihm, dass erst das Kennzeichen von Christen ist,
einander mit Liebe zu begegnen,
mit Freundlichkeit, Sanftmut, Geduld.
Na gut, vielleicht nicht immer.
Die Kleider der Geduld und der Sanftmut mögen ein wenig abgewetzt sein,
vielleicht auch schon etwas ausgewaschen oder fleckig.
Aber der Versuch zählt.
So oft wir daran auch scheitern, sooft wir es nicht schaffen,
eigentlich wissen wir, wie sich Christen begegnen.
Genau so, wie es der Kolosserbrief schreibt.
Und manchmal funktioniert’s ja auch.

Ob Bert Brecht mit dieser Antwort zufrieden wäre?
Ob das ihm reichen würde?
Wir Christen sind die, die dem anderen mit Liebe begegnen?

Vielleicht würde er darauf antworten:
Mag ja sein, dass ihr das mit der Freundlichkeit, mit der Geduld versucht.
Aber da seid ihr Christen doch nicht die einzigen.
Das tun doch andere auch.
Menschen, die nichts mit dem Glauben, nichts mit Christus anfangen können,
die bemühen sich doch auch, sich gut und anständig zu benehmen.

Dem wird man nicht widersprechen können.
Denn es stimmt: Christen haben keine besondere Ethik.
Christen wissen es nicht besser als andere.
Christen benehmen sich nicht besser als andere.

Vielleicht muss man sogar sagen:
Christen haben gegenüber anderen eigentlich gar keinen
Vorzug, wenn es um’s Handeln geht.

Klar, es gibt leuchtende Beispiele, wie jemand aus seinem Glauben heraus Dinge tut, die man nur bewundern kann.

Die Menschen um Pater Paolo zum Beispiel, die in einem Kloster leben, etwa 80 Kilometer nördlich von Damaskus.
Sie versuchen, so gut es unter den katastrophalen Bedingungen dort eben geht, Menschen zu helfen, Christen wie Muslimen gleichermaßen.
Sie setzen sich ein für -
nein nicht für Versöhnung zwischen Christen und Muslimen,
dafür ist es sicher noch zu früh und die Umstände zu gewalttätig.
Aber für vorsichtige Annäherungen, für religiöse Abrüstung.
Was ist das anderes als Liebe und Erbarmen und Sanftmut und Geduld aus einem starken christlichen Glauben heraus?
Wirklich: Ein leuchtendes Beispiel, wie Menschen das, was sie tun, aus Glauben heraus tun.

Aber natürlich müssen wir anerkennen, dass es so etwas auch
ohne Glauben gibt, ganz allein aus weltlichen, humanitären,
philanthropischen Gedanken heraus.

Ich fürchte: Wir haben keinen Grund, auf unser Handeln besonders stolz zu sein.
Ein solcher Stolz wäre auch so ziemlich das Gegenteil von dem,
was wir tun sollen, wie’s uns der Kolosserbrief in’s Stammbuch schreibt.
Denn immerhin gehört die Demut auch zu den Tugenden,
die unser Predigttext zur Christenpflicht erklärt.
Und Stolz und Demut schließen sich aus.
Also: Wir Christen handeln nicht besser als andere.

Mein zweiter Gedanke: Was bedeutet es dann, dass wir die Auserwählten genannt werden?

Damit fängt ja unser Predigttext an,
auch wenn man es gerne überliest und vielleicht für eine alte, überholte Formulierung hält:
So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten,
herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld;

„Auserwählte“: was für ein Wort!
Das hört sich nach Elite an, aber auch nach Arroganz und nach Intoleranz.
Das hört sich nach Fanatismus an, der die Welt beglücken will.
Nach dem Motto: Ich bin auserwählt und weiß, was für Euch gut ist.

Die islamistischen Attentäter, die „Gott ist groß“ schreien,
bevor sie die Bombe zünden,
und die eigentlich doch nur meinen, nur sie selbst seien groß,
die halten sich wohl für Auserwählte.
Auserwählte, um der Welt den Schrecken wiederzubringen,
und diese grausame Art der Gottesfurcht,
deren Verlust sie beklagen.

Nein, in diesem Sinn möchte ich nicht auserwählt sein.
Nicht in dem Sinn, der mich unterscheidet von anderen,
der den Graben zwischen mir und meinen Freunden
außerhalb der Gemeinde, der Kirche, des Christentums,
größer macht.

Vielleicht muss man dieses Wort vom Auserwählt-Sein
erst einmal aus der Situation der damaligen Zeit verstehen:
Die Christen, an die dieser Brief gerichtet war,
hatten keinen Grund, sich für etwas Besonderes zu halten.

Sie waren oft Sklaven, viele waren auch Frauen - also Menschen,
die in der damaligen Gesellschaftsordnung wenig bis gar nichts zu melden hatten.
In aller Regel gehörten die Christen den unteren Gesellschaftsschichten an, waren machtlos und oft mittellos.

Ihnen zu sagen, sie seien Auserwählte, Heilige, geliebte Gottes,
ließ sie den Kopf heben, den sie in Demut vor den Mächtigen
gesenkt hatten.

Es gab ihnen das Selbstbewusstsein, das sie brauchten,
um den anderen in die Augen schauen zu können.
Du bist wer - nicht weil die Menschen dich zu etwas machen,
sondern weil Gott dich zu etwas macht.
Das bedeutet Auserwählt sein.
Es macht selbstbewusst und aufrecht,
nicht arrogant und intolerant.

Und damit wäre ich bei meinem dritten Gedanken.

Ich habe gesagt: Christen zeichnen sich nicht durch besseres Handeln aus.
Wer das sagte, machte sich der Arroganz schuldig.

Die, die an Gott glauben, zeichnen sich dadurch aus,
dass sie Gott loben.
Das hört sich nicht nach viel an,
ist aber alles.

Gott loben inmitten einer unheilvollen, einer grausamen,
einer manchmal unerträglichen Welt -
dieses Lob gibt Kraft, die niemand hat, der das nicht kann.
Und daraus folgt alles andere.

Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen:
Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit;
mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen.
Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken,
das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn.

Das - und nichts anderes - ist es, was den Glauben vom Nicht-Glauben unterscheidet.
Alles, was man tut, im Namen Gottes zu tun.
Daraus seine Kraft zu ziehen.
Auf ihn seinen Blick zu richten und zu fragen:
Was erwartet Gott von mir.
Und sich darin selbst zu vergessen.

Nicht an mich denke ich, wenn ich auf Gott schaue,
sondern an den, auf den ich hoffe.
Ich nehme seine Blickrichtung an und sehe auf die Schwachen, auf die, die meine Hilfe brauchen.

Solange die Grausamkeit und der Terror und die Ungerechtigkeit
auf der Erde herrschen, solange der Starke den Schwachen tyrannisiert,
so lange braucht Gott das Lob seiner Zeugen.
Das Lob, das allem Anschein entgegen
rotzfrech und trotzig bekennt:
Diese Welt ist nicht verloren,
Gott wird sie zu einem guten Ende führen.
Das zu bekennen, ist nicht leicht.

Ich glaube, deshalb ist das Singen in der Kirche so wichtig:
Wer singt, vergisst sich selbst.
Er nimmt Worte eines anderen in den Mund.
Worte, die vielleicht größer sind als ich selbst.
Die mehr Hoffnung haben, als ich sie im Moment habe.
Die mehr vertrauen auf Gott ausstrahlen, als ich es momentan habe.

Singen kann man im Dunklen, wenn die Angst zu groß wird.
Singen kann man im Hellen, sozusagen als Akt des Widerstandes.
„We shall overcome“ hat die amerikanische Bürgerrechtsbewegung gesungen und hat schließlich gesiegt.

„Vertraut den neuen Wegen“ hat die kirchliche Opposition in der DDR gesungen,
„die Tore stehen offen, das Land ist hell und weit“ -
nicht viel später ist die Mauer tatsächlich gefallen.

Wie viele Menschen haben sich an Psalmen, an Liedstrophen festgehalten, als es dunkel um sie wurde?

Und nein, es kommt dabei nicht darauf an,
die richtigen Noten im richtigen Rhythmus zu treffen.

Dieses Singen kommt aus dem Glauben - und den haben musikalische und unmusikalische Menschen gleichermaßen.

Ja, ich glaube tatsächlich, dass es das ist, was uns geschenkt ist:
Zu handeln, auch wenn die Lage aussichtslos ist.
Zu hoffen mitten in der Hoffnungslosigkeit.
Zu singen, wenn es dunkel um mich ist.
Gott zu loben, auch wenn es dafür scheinbar keinen Grund gibt.
Er wird diese Welt nicht verlassen,
das wissen wir seit Ostern.
Vielleicht sollten wir Bert Brecht einfach etwas vorsingen,
wenn er uns das nächste mal fragt.
Dafür hätte er als Dichter sicher einen Sinn gehabt.
Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all' unsere Vernunft,
bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.


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