Mit den Augen des Kindes

Mit den Augen des Kindes

Predigt am Heiligen Abend 2015

Wann beginnt für Sie Weihnachten? Gibt es da einen Moment, an dem der Heilige Abend anfängt? Es ist ja gar nicht so leicht umzuschalten, vom Vorbereitungsmodus in den Feiermodus. Vom Putzen und Herrichten, vom Einkaufen und Schmücken zum Hinsetzen, Schauen, Genießen, Nichtstun.

Aber irgendwann beginnt Weihnachten dann eben doch.
Bei manchen mit dem Anzünden der Kerzen am Christbaum.
Bei manchen mit den festlichen Akkorden von O du fröhliche.
Bei den Kindern vielleicht eher dann, wenn sie ihr Geschenk auspacken dürfen.

Bei mir beginnt Weihnachten dann erst richtig,
wenn ich die Worte der Weihnachtsgeschichte höre.
Weihnachten wird es mit dem „Es begab sich aber zu der Zeit …“
Weihnachten wird es, wenn ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausgeht, dass alle Welt sich schätzen lasse – und wenn Quirinius Statthalter in Syrien ist.

Ich weiß noch recht gut, wie ich als kleines Kind versucht habe,
einen Sinn in diesen geheimnisvollen Worten zu suchen.
„Kyrenius“ und „Landpfleger“, wie es damals noch hieß,
und: „sich schätzen lassen“.
Das war rätselhaft und festlich und voller Erwartung

Damals habe ich die Weihnachtsgeschichte immer zweimal gehört:
Einmal in der Kirche
und dann noch einmal zuhause.
Die Kerzen am Christbaum waren schon angezündet.
Und mein Vater schlug die Bibel auf und las.

Da waren sie noch einmal:
Die Engel und die große Freude, die allem Volk widerfahren wird.
Die Hirten und natürlich das Kind, in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend.
Wieder habe ich nicht alles verstanden.
Vielleicht lag das aber auch an den Päckchen, die in Geschenkpapier eingewickelt auf dem kleinen Tisch neben dem Christbaum lagen.

Weihnachten ist, wenn die Weihnachtsgeschichte gelesen wird.
Auch für uns Erwachsene bleibt diese Geschichte geheimnisvoll,
obwohl wir sie oft genug gehört haben, um ihre Worte und ihren Sinn zu verstehen.

Sie rührt uns an – weil wir mit ihr starke Erinnerungen verbinden,
an Menschen, die uns nahe sind,
an Menschen auch, die uns nahe waren, die wir aus den Augen verloren haben oder die nicht mehr leben.
Die Weihnachtsgeschichte ist eng verwoben mit Klängen und Räumen und Gerüchen.

An Weihnachten spielen Gefühle eine große Rolle,
glückliche Gefühle und wehmütige, fröhliche und traurige,
Gefühle in Geselligkeit und Gefühle in der Einsamkeit.

In anderen Zeiten sind sie oft verdeckt und vergraben,
vernachlässigt in den Routinen des Alltags.
An Weihnachten aber kommen diese Gefühle hoch –
und ich spüre, wie es mir wirklich geht.

Vielleicht hängt das mit dem Kind zusammen.
Eltern und sicher auch Großeltern wissen das:
Nichts weckt stärkere Gefühle als ein Neugeborenes im Arm zu halten.
In den Augen dieses winzigen Menschenwesens spiegele ich mich,
erkenne ich mich mit dem, was und wer ich wirklich bin.

Das gilt für dieses Kind in der Krippe ganz besonders.
Niemand von uns hat es im Arm gehalten.
Und trotzdem spüren wir, wie von diesem Kind etwas ausgeht,
das uns die Wahrheit über uns selbst sagt.
Und das uns in dieser Wahrheit Ruhe und Trost und Frieden finden lässt.

Ein solcher Friede würde nicht lange anhalten,
wenn wir ihn mit uns selbst schließen müssten.
Ein solcher Trost wäre nur Schein,
würden wir versuchen, uns selbst zu trösten.
Wäre Weihnachten nur das, was wir Menschen daraus machen,
dann wäre es Kitsch
dann wären es Gefühle aus der Retorte, unecht und mit baldigem Verfallsdatum.

An Weihnachten geht es aber um den echten Frieden.
In diesem Kind, das da in der Krippe liegt, sieht Gott selbst uns an.
Vor ihm müssen und können wir uns nicht verstellen.
Er sieht in unser Innerstes und er bringt unser Innerstes zum Leuchten.

Der Titusbrief, ein nicht ganz so bekannter Text aus dem Neuen Testament,
versucht, das Geheimnis von Weihnachten in einen einzigen Satz zu fassen:
Dort heißt es im 2. Kapitel:

Es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen.
Ein Satz ohne den Charme von Kinderaugen und Engelsliedern.
Ein Satz, der mit seinem altmodischen Wort „Gnade“ ein wenig den Staub der Jahrhunderte angesetzt hat.

Und doch ein Satz, der geradezu tollkühn ist
und in dem ich das, was mir Weihnachten bedeutet, gut aufgehoben weiß.

Es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen.
Dass die Gnade auf der Welt erschienen sei,
das konnte man damals vielleicht noch weniger sehen als heute.
Die Welt war nicht friedlicher als jetzt.
Vielleicht war sie sogar noch gnadenloser.

Fremdherrschaft, Besatzung, Verfolgung des Glaubens wegen,
Vertreibung, Flucht, Hunger, Not, Elend, Leben im tiefsten Dreck:
Nichts, was wir heute aus der Tagesschau kennen,
kein Elend, das wir vielleicht mit eigenen Augen sehen,
nichts davon hat damals gefehlt.

Wer da trotzdem von der heilsamen Gnade Gottes spricht,
muss entweder realitätsblind oder naiv sein.
Oder aber er muss eine unbändige Hoffnung haben,
ein Vertrauen darauf, dass diese Welt trotzdem – trotz allem – von Gott nicht verlassen ist.

Es macht einen riesigen Unterschied, ob ich glaube,
dass diese Welt gottverlassen, sich selbst überlassen ist.
Oder ob ich trotz all der Grausamkeiten, die mich sprachlos machen,
trotz aller Ungerechtigkeiten, die mir die Wut in den Bauch treiben,
ob ich trotzdem davon überzeugt bleibe, dass Gott diese Welt nicht aufgegeben hat.

Das macht einen riesigen Unterschied.
Auch wenn sich dadurch die Welt nicht ändert.
Aber ich ändere mich.
Ich lasse mich von Gott anrühren.
Und dann ändere ich die Welt, jedenfalls meinen kleinen Bereich,
das, was ich ändern kann.

Die Gnade Gottes, die auf der Welt erschienen ist,
sie verändert nicht den Lauf der Geschichte.
Leider nicht.
Sie ist Gnade, und Gnade ist das Gegenteil von Gewalt.
Alle, die ihre Religion mit Gewehren und Sprengstoff durchsetzen wollen, irren sich grausam.

Mit dem Kind in der Krippe wählt Gott einen ganz anderen Weg.
Den Weg, unsere Herzen anzurühren,
und über unsere Herzen unsere Köpfe und Hände.
Mitfühlende Herzen und helfende Hände,
das ist der Weg, mit dem Gott die Welt verändern will.
Und Weihnachten zeigt ihn uns so deutlich, dass es fast schon schmerzt,
wie wenig wir ihm bisher gefolgt sind.

Es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen.
Noch etwas fällt mir an diesem Satz auf.
„Allen Menschen“ ist die Gnade Gottes erschienen.
Man überliest und überhört es leicht, mich aber fasziniert es:

Diese kleine Gruppe furchtsamer und verfolgter Christen
am Rande des römischen Weltreichs wollten die Gnade ihres Gottes nicht für sich behalten.

Nicht uns und nur uns ist er gnädig, dieser Gott, sondern allen Menschen.
Das haben sie schon von Anfang an geglaubt.
Und auch das ist nicht wenig tollkühn.

Gott hat Gnade genug für alle Menschen,
niemand, wirklich niemand ist davon ausgenommen.
Vielleicht überhören wir es auch deshalb so leicht,
weil wir ihn nicht gerne teilen, diesen gnädigen Gott, mit den anderen Menschen.

In Dresden singen sie bei der Pegida-Demonstration Weihnachtslieder wie Kampflieder,
und tun so, als ob die Weihnachtsbotschaft ihnen allein gehörte.
Als ob dieses Kind in der Krippe unser Eigentum sei.

Nein, es ist genau anders herum:
Wir sind sein Eigentum, in dem Moment, in dem wir uns von diesem Kind ansehen lassen.
Und das bedeutet, dass Gottes Gnade der einzige Maßstab ist, der für uns gelten kann.

Und das ist ein anspruchsvoller Maßstab:
Wir dürfen uns nicht abfinden mit Gnadenlosigkeit,
wir dürfen uns nicht abfinden damit, dass Menschen klein gemacht werden,
geschunden an Leib und Seele.
Wir dürfen uns nicht abfinden damit,
dass die einen in Wohlstand und die anderen in Hunger und ohne Heimat leben.

Ich glaube, wer sich bemüht, die Welt auch nur für einen Moment mit den Augen dieses Kindes zu sehen, wird niemals mehr wegsehen können, wenn jemand leidet.
Wird sich nicht abfinden können mit der Grausamkeit,
die ganz offensichtlich tief in uns Menschen steckt.

Wer die Welt mit den Augen dieses Kindes ansieht,
wird die Gnade,
wird auch seinen Wohlstand nicht allein für sich behalten wollen,
sondern bereit sein zu teilen mit den Menschen, die es nötiger haben.

Wer schließlich die Welt mit den Augen dieses Kindes ansieht,
wird aber auch sich selbst gegenüber die Gnade Gottes spüren.
Es ist gut, wie Du bist, sagt dieses Kind.
Es ist gut, wenn Du versuchst, diese Welt zu verändern.
Aber überfordere dich nicht.
Achte in dem allen auf Dich.
Ich begleite Dich bei dem, was Du tust.
Ich begleite Dich durch diese Weihnachtszeit,
dass Du Freude an meiner Gnade hast.

Amen.


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