Niemand ist ein hoffnungsloser Fall

Niemand ist ein hoffnungsloser Fall

Predigt am Heiligabend 2014

„Wie kommt es eigentlich, dass Ihr an Weihnachten so viel freundlicher seid als sonst“? Die Frage hat mich ziemlich kalt erwischt. Gestellt hat sie ein Vertreter der Moschee am Katzenstadel, als wir sie neulich abend hierher in die Barfüßerkirche eingeladen hatten, unsere Kirche und unsere Gemeinde kennen zu lernen.

„Wie kommt es eigentlich, dass ihr an Weihnachten so viel freundlicher seid als sonst“?
Ein gläubiger Muslim fragt uns Christen.
Was hätten Sie geantwortet?
Stimmt das überhaupt?

Ich glaube, er hat etwas Richtiges erspürt:
Weihnachten ist etwas Besonderes für uns.
Nicht nur für Kinder, sondern auch für uns Erwachsene.
Da mögen wir noch so abgeklärt sein.

Die Kerzen, der Geruch von Wachs und Tannennadeln, die Lieder.
An Weihnachten singen selbst die, die das ganze Jahr über unmusikalisch sind.
Von mir aus gehört auch der Glühwein und der Christkindlesmarkt dazu.
Wir erinnern uns, wie es uns gut gegangen ist an Weihnachten.
Auch in schweren Zeiten war Weihnachten immer etwas Besonderes. Und das wollen wir uns bewahren.

Vielleicht ja deshalb das Bemühen um Freundlichkeit,
das unserem muslimischen Gesprächspartner so sehr auffällt.

Ich glaube aber, Weihnachten reicht noch tiefer
als die Erinnerung an glückliche Tage in der Kindheit.
Irgendetwas hat dieses Fest, hat diese heilige Nacht,
das uns jedes Jahr auf’s neue gefangen nimmt.
Dieses „irgendetwas“ ist mehr als die Wehmut, mit der wir an früher denken.

Ganz tief in unserem Herzen glimmt eine Sehnsucht.
Und der Heilige Abend ist einer dieser Momente,
an denen diese Sehnsucht raus muss, nicht in unserem Herzen bleiben kann.
Vielleicht wundern wir uns ein wenig über uns selbst.
So nüchtern, so verstandesbetont wir oft sind:
diese Sehnsucht in unserem Herzen kennen wir sonst gar nicht,
aber sie überkommt uns einfach – ungefragt und unerwartet.
Manchmal weiß unser Herz eben mehr vom Leben als unser Verstand.

Vielleicht brauchen wir Weihnachten schon allein deswegen,
um diese Sehnsucht wieder zu entdecken.

Es ist die Sehnsucht nach einem echten Leben.
Nach einem Leben ohne Falschheit und ohne Angst,
ohne Berechnung und ohne Hintergedanken.
Nach einem Leben, in dem wir uns nicht selbst betrügen müssen,
und schon gar niemanden anderen.
Nach einem Leben, das uns glücklich sein lässt,
und zwar nicht mit schlechtem Gewissen und auf Kosten anderer.
Sondern glücklich mit unseren nahen und fernen Mitmenschen gemeinsam.
Nach einem Leben, dessen Frieden wir trauen dürfen.

Manchmal fühlen wir uns einem solchen Leben nah.
Aber sehr viel öfter unendlich weit entfernt.
Die Welt ist eben so wie sie ist, sagen wir dann,
und zucken mit den Schultern:
Da kann man nichts machen.
Und im Großen und Ganzen kommen wir ja mit unserem Leben auch zurecht, reden wir uns ein.

An Weihnachten aber blitzt für einen Moment
eine Alternative zu der ansonsten so alternativlosen Welt
und zu unserem Leben auf.
Es ist ein kurzer und ganz unscheinbarer Einbruch
in unsere Welt.
Ein kleiner Riss
in unserem ansonsten so sorgfältig abgedichteten Weltbild.
Eine kleine Öffnung nur, leicht zu übersehen.
Aber für die, die sie sehen, hat diese Öffnung eine ungeheuer große Kraft.
Es ist die kleine Öffnung, durch die die Liebe in diese Welt schlüpft.

Ich lese einen Vers aus dem 1. Johannesbrief, Kapitel 4:
Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns,
dass Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat
in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen.

Wenn Sie so wollen,
ist dieser Vers das Konzentrat von Weihnachten.
Weihnachten minus Krippe und Hirten, Engel und Ochs und Esel.
Wenn wir das alles weglassen, dann bleibt eins:
Es geht an Weihnachten um die Liebe.

Und diese Liebe ist nicht kitschig, nicht rührselig,
hat nichts Rosamunde Pilcher-haftes.

Diese Liebe ist die Grundlage für unser Leben.
Für unser Leben, wie es sein sollte,
wie wir es uns ersehnen,
eher nicht für das Leben,
das wir von Tag zu Tag vor uns hinleben,
in den Unfriedlichkeiten dieser Welt.

Was hätte ein Gott, der die Welt geschaffen hat, der tags die Sonne leuchten lässt und in der Nacht die Sterne …
Was hätte ein Gott, der Fluten steigen und Meere trocknen lassen kann, der Menschen ins Leben ruft und uns aus diesem Leben abberuft,
was hätte ein solcher Gott für Möglichkeiten, auf der Erde für Frieden zu sorgen?
Dafür, dass das Leben hier nicht so entgleitet und entgleist,
wie wir es tagtäglich erleben –
bei uns zuhause und in der ganzen Welt.
Er könnte mit mächtiger Hand die Starken entthronen und die Schwachen erhöhen.
Er könnte die Kranken heilen und die Gesunden bereit machen zu helfen.
Er könnte den Hass besiegen und die Fanatiker zum Schweigen bringen.
Er könnte den Flüchtlingen ein Dach über dem Kopf geben, das ihnen niemand streitig macht.
Mit einem Fingerschnippen könnte er das.

So stellen wir uns Gott manchmal vor.
Und so erhoffen wir uns von Gott, dass er die Welt rettet.
Aber eigentlich ist diese Vorstellung eher das, was herauskäme,
wenn wir uns selbst zu in unseren besten Momenten zu Göttern machen könnten.
Im ersten Moment sehr reizvoll, auf den zweiten Blick aber ziemlich riskant.
An Weihnachten ist genau das Gegenteil passiert: Nicht wir haben uns zu Göttern gemacht, sondern
Gott ist Mensch geworden.

Er hat alle Macht und Gewalt aufgegeben,
sozusagen im Himmel zurück gelassen.

Weil er unsere Welt,
in der es so viel Machtmissbrauch und Gewalt gibt,
Weil er die Welt nicht dadurch verändern will,
dass er selbst noch mehr Macht und Gewalt anwendet.

Sondern weil unsere einzige Hoffnung auf eine bessere Welt darin besteht, uns selbst zu ändern.
Uns selbst ändern zu lassen.
Tief in uns drinnen.
Uns von Gottes Liebe anstecken zu lassen.

Darin besteht die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt haben,
sondern dass er uns geliebt hat
und gesandt seinen Sohn
zur Versöhnung für unsre Sünden.
So heißt es im 1. Johannesbrief weiter.

Gott wirbt um uns, dass wir uns verändern lassen.
Er wirbt sehr augenfällig und anschaulich
mit dem kleinen Kind in der Krippe.
Wer sich von einem Kind nicht bewegen lässt,
muss ein Herz aus Stein haben.

Gott fordert nicht zuerst Liebe von uns,
sondern er verschenkt sie.
Das ist ja das Kennzeichen von Liebe,
dass sie nicht auf eine Vorleistung
oder eine Gegenleistung wartet.

So – hofft Gott –
breitet sich die Liebe zwischen den Menschen aus.
Aus dem Gefühl, geliebt zu werden, erwächst wieder Liebe.
Sie pflanzt sich fort – und durchdringt das Miteinander der Menschen auf der ganzen Welt.

Das ist Gottes Plan mit uns.
Und wir Menschen haben uns bisher recht erfolgreich geweigert,
bei diesem Plan mit zu machen.

Aber die Sehnsucht bleibt.
Tief im Herzen.
Nicht nur an Weihnachten.
Die Sehnsucht danach,
dass die Liebe auf der Welt die Macht übernehmen soll.

Liebe, das ist, wie gesagt, nicht nur ein romantisches Gefühl.
Liebe, das ist die Art, wie wir vom anderen denken,
vom Fremden und vom Nachbarn.
Das ist, wenn wir die Kluft zwischen uns Menschen überwinden, ohne unsere Identität aufzugeben.
Liebe ist die Art, wie wir aufeinander zugehen, miteinander umgehen.
Die Offenheit, die Ehrlichkeit, der Respekt, die Hilfsbereitschaft.

Liebe, das ist, wenn wir darauf verzichten, Mauern um uns herum aufzubauen.
Wenn wir uns nicht gegeneinander abschirmen,
sondern füreinander da sind:
Freude teilen.
Trauer gemeinsam aushalten.

Liebe ist, wenn wir uns nicht gegenseitig überfordern.
Auch nicht an einem Tag wie heute,
einem so stark emotional besetzten Tag,
an den wir alle Erwartungen auf ganz besonderen Frieden
und ganz besondere Freude haben.

Liebe ist, wenn wir die Einsamkeit des anderen wahrnehmen,
auch wenn der selbst darüber niemals sprechen würde.

Wenn wir nicht darüber froh sind, von den Menschen, die in Schwierigkeiten stecken, in Ruhe gelassen zu werden.
Sondern wenn wir von uns aus einfühlsam auf sie zugehen.

Liebe ist, wenn man sich beschenken lässt, ohne peinlich berührt zu sein, kein Gegengeschenk zu haben.
Und Liebe ist, wenn man nicht beleidigt ist,
dass man auf sein Geschenk nichts zurück erhält
außer vielleicht einem dankbaren Blick.

Liebe, das ist, den anderen anders sein lassen zu können,
ihn nicht ändern wollen.

Und Liebe ist, wenn man keine Feinde braucht,
um man selbst sein zu können.
Das kann man gerade in diesen Tagen nicht deutlich genug sagen.
Denn das ist doch der Kern der heute wieder ungeniert geäußerten Fremdenfeindlichkeit:
Menschen, die ihren kulturellen, wirtschaftlichen, politischen Halt verloren haben, klammern sich nun an ihren eigenen Feindbildern fest.

Sie sprechen vom christlichen Abendland,
das man verteidigen müsse,
und meinen ihre Sehnsucht,
wieder irgendwo wirklich dazuzugehören.
Darauf muss man eingehen.

Aber das Christentum,
das die Fremdenfeinde beschwören,
ist ein Christentum, dem die Mitte fehlt: die Liebe.

Dieses Christentum bleibt eine lieblose Worthülse,
da mögen sie noch so laut Weihnachtslieder singen.
Wer Weihnachten, wer den christlichen Glauben als Anlass zur Feindlichkeit versteht,
wer Weihnachtslieder für politische Demonstrationen gegen Ausländer missbraucht,
der hat nichts verstanden von der Liebe Gottes zu seinen Menschen.

Und doch:
Nicht politische Verwirrtheit,
nicht einmal diese unsägliche Ausländerfeindlichkeit
schneiden ab von der Liebe Gottes,
wie sie an Weihnachten auf die Erde kommt.

Das ist ja das Ärgernis und die tiefe Wahrheit von Weihnachten:
Dass Gott den Hass nicht mit Hass und Strafe überwinden will,
sondern mit Liebe.
Mit Liebe, die sich nicht abweisen lässt
und nicht aufhört zu werben.

Das ist manchmal schwer zu ertragen.
Dass Gottes Liebe auch denen gilt, die wir selbst partout nicht lieben können.
Und natürlich müssen wir alles tun, um Ausländerfeindlichkeit zu bekämpfen.

Trotzdem glaube ich:
Gott ist Mensch geworden,
um zu uns gottlosen, sehnsuchtsvollen Menschen zu kommen. Zu uns allen.
Niemand ist für ihn ein hoffnungsloser Fall,
so sehr wir uns selbst,
so sehr wir unsere Welt manchmal dafür halten mögen.

Gottes Liebe ist stärker als aller Hass,
alle Ungerechtigkeit, alle Angst und Unfrieden.
Wir müssen seine Liebe nur in uns wirken lassen.
Er hört nicht auf, mit seiner Liebe um uns zu werben.
Deswegen ist er auf die Erde gekommen.
Gesegnete Weihnachten!

Amen.


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