Rüstet religiös ab!

Rüstet religiös ab!

Predigt zu Römer 14,7-9

Wenn es draußen novembrig trüb wird,
dann kommt in der Kirche zur Sprache,
was wir uns den Rest des Jahres ganz gerne vom Hals halten, soweit wie eben möglich.

Tod, Sterben und Gericht,
das sind die Themen der letzten Sonntage im Kirchenjahr.
Die Themen in der Kirche passen sich dem Novembergrau an.
Die Natur bereitet sich auf’s Sterben vor - und auch wir Kirchenbesucher bekommen unsere Endlichkeit vor Augen geführt.

So auch in unserem Predigttext für den heutigen Drittletzten Sonntag des Kirchenjahres:
Er steht im Brief des Apostels Paulus an die Römer, im 14. Kapitel:

Unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber.
Leben wir, so leben wir dem Herrn;
sterben wir, so sterben wir dem Herrn.
Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.
Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei.

Die Erinnerung an die eigene Endlichkeit: Sie klingt auch in diesem Text an.
Und gleichzeitig so viel mehr.
Das, was ich in diesem Text lese, möchte ich heute morgen in drei Punkten zusammenfassen.

Mein erster Punkt:

Eigentlich steckt in den biblischen Texten, die vom Sterben und von Tod sprechen,
ja viel mehr als die Erinnerung an die Endlichkeit.
Eigentlich sind diese Texte ein Kontrapunkt zum trüben November.
Sie sind sozusagen der sonnengelbe Ahorn, oder der flammend rote Wein,
deren Farben das Nebelgrau durchbrechen:
„Leben wir, so leben wir dem Herren. Sterben wir, so sterben wir dem Herren.
Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn“.
Eigentlich geht es nicht um Endlichkeit, sondern um Ewigkeit.

Die Verse unseres Predigttextes sind vermutlich älter als der Römerbrief.
Sie bilden eine Art Glaubensbekenntnis en miniatur, das Paulus zitiert.
Ein Bekenntnis, das sich gegen den Schrecken des Todes stemmt.

Nicht gegen den Tod an sich,
aber gegen die panische Angst des Menschen, ins Nichts zu verschwinden.

Und so ist dieser Text, bei aller Erwähnung von Sterben und Tod,
ein Ausdruck des allerhöchsten Vertrauens.
Ein Text, der trösten will - und das bis heute tut.
Unzählige Male ist er an den Gräbern von geliebten Angehörigen gehört und gelesen worden.

Es ist ein Text, der die Angst vor dem Tod nehmen will.
Gebetet, gerufen, geschrien in höchster Todesangst:
Du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hand.
Nichts kann dich von Gott trennen.
Nicht einmal der Tod, das Ende allen Lebens nach menschlichen Maßstäben.

Wie viele Menschen mag das schon getröstet haben?
Wie vielen Menschen mögen sich aufgehoben gefühlt haben in diesen Worten?
Menschen in Trauer um Angehörige.
Menschen, die selbst den Tod auf sich zukommen gesehen haben.
Wie viele Menschen mögen die vertrauten Worte dieses Textes in ihren letzten Minuten die Furchen der Panik und des Todeskampfes auf der Stirn geglättet haben?

Ich kann nur darum beten, dass ich in den letzten Zügen meines Lebens dieses Vertrauen aufbringen werde: Wir leben oder sterben - so sind wir des Herrn.

Der Tod bleibt, was er ist: grausam, zerstörerisch, schmerzvoll - aber eins kann er nicht:
Uns in’s Bodenlose abstürzen lassen,
uns trennen von dem, der uns in unserem Leben schon festgehalten hat.

Das ist die Hoffnung, die durch diesen und andere Texte am Ende des Kirchenjahres durchscheint.
Glücklich, ja selig, wem es geschenkt wird, in dieser Hoffnung zu leben und zu sterben.

Mein zweiter Punkt:

Sieht man sich die Stelle im Römerbrief genauer an, an der Paulus diese Verse zitiert,
dann geht es ihm, dem Apostel, gegenüber der Gemeinde in Rom hier gar nicht so sehr um den Tod.
Es geht ihm vielmehr um das Leben.
Nicht die Bereitung zum Sterben in Zukunft,
sondern die Besserung des Lebens jetzt ist seine Absicht (W. Gräb).

Denn es gibt gewaltige Konflikte in den christlichen Gemeinden.
Und Paulus versucht, auf diese Konflikte Antworten zu finden.
Menschen, die dasselbe glauben, können sehr unterschiedlich leben.
Das ist die Erfahrung, die die allmählich wachsenden Gemeinden zur Zeit des Apostels machen.

Auch wenn man das Glaubensbekenntnis gemeinsam sprechen kann,
wenn man die Hoffnung auf Gott im Leben und im Sterben teilt,
auch dann hat man keinerlei Garantie, in den Fragen des täglichen Lebens miteinander übereinzustimmen.
Wie soll man sich gegenüber der heidnischen Umwelt verhalten?
Wie wichtig sind die jüdischen Gesetze für den christlichen Glauben?
Darauf und auf viele Fragen mehr haben die Christen zur Zeit des Paulus sehr unterschiedliche Antworten gegeben.
Und weil sie offenbar mit sehr viel Energie und großem Engagement darüber gestritten haben, hat das die Gemeinden fast auseinandergerissen.
Diese Konflikte sind es, auf die Paulus hier eine Antwort versucht.
Wohin sie ihn damals führte, werden wir gleich sehen.

Vorher aber die Frage: Wie ist das heute?
Sehen sie sich um: Auch wir sind, so sehr wir diesen Gottesdienst zusammen feiern, doch sehr verschiedene Menschen mit sehr verschiedenen Einstellungen.
Wir sind politisch unterschiedlicher Ansicht, wir pflegen sicher sehr unterschiedliche Lebensstile.
Wir würden vermutlich selbst auf solche Fragen sehr unterschiedliche Antworten geben, die nach allgemeiner Auffassung eine ganze Menge mit unserem Glauben zu tun haben:
Wie weit darf Sterbehilfe gehen?
Darf der Mensch mit Hilfe von gentechnischen Verfahren seine Umwelt verändern? Oder gar in die menschliche Keimbahn eingreifen?
Ist ein Gemeinwesen verpflichtet, unbegrenzt Menschen bei sich aufzunehmen, die aus Kriegs- und Krisengebieten flüchten, um ihr nacktes Überleben zu retten? Oder hat die Verpflichtung zur Hilfe eine Obergrenze?

Wir merken bei solchen Fragen, dass darin viel auf dem Spiel steht.
Sie berühren unser Verständnis von uns selbst, sie berühren unser Verhältnis zur Welt und zu Gott.
Es sind Fragen, die auf die eine oder andere Weise etwas mit unserem Glauben zu tun haben.
Und das macht die Sache nicht einfacher.

Denn je mehr wir unseren Glauben, unser Bekenntnis herausgefordert sehen,
desto weniger ausgeprägt ist unsere Kompromissfähigkeit.
Desto weniger ausgeprägt ist unsere Bereitschaft, auf den anderen zuzugehen, ihm zuzuhören, ihm seine gute Absicht zu glauben und seine Meinung stehen zu lassen.
Unterschiede der Lebensführung, die für die Beteiligten mit ihrem Glauben zu tun haben, können anwachsen zu schier unlösbaren Konflikten.

Paulus schlägt einen völlig anderen Weg ein:
Nicht, dass er den Konflikt leugnete.
Im Gegenteil: Er benennt in den Versen rund um unseren Predigttext sehr genau, worum sich der Streit in der römischen Gemeinde dreht.
Und auch nicht, dass er einfach zum Frieden aufruft: Nun gebt euch mal schön die Hand und vertragt euch wieder. Das ist es nun gerade nicht, was Paulus rät.
So wie man Paulus kennt, hat er durchaus Verständnis für, wenn nicht sogar Lust am Streit, an der Auseinandersetzung um die Fragen der Gemeinde.

Aber er schärft den Römern sehr genau ein, worum es eigentlich geht,
oder besser: worum es nicht geht:
Das, worum ihr streitet, sagt Paulus, sind nicht die letzten Fragen, sondern höchstens die vorletzten.
Wenn ihr darum streitet, welche Feiertage geheiligt werden müssen und welches Fleisch gegessen werden darf, dann berührt das eben gerade nicht den Kern eures Glaubens.

Leben wir, so leben wir dem Herrn;
sterben wir, so sterben wir dem Herrn.
Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.

Das ist der Kern des Glaubens:
Unsere gemeinsame Hoffnung darauf,
dass nichts uns von Christus scheiden kann, nicht einmal der Tod.
Und wenn ihr das glaubt, dann könnt ihr nicht ernsthaft eurem Nachbarn sagen,
dass er von Christus getrennt ist, weil er nicht so lebt wie ihr, weil er andere Riten befolgt als ihr oder an einem anderen Tag Gottesdienst feiert.

Das, was uns verbindet, ist so viel größer und so viel wichtiger als die Fragen, über die ihr euch streitet:
Unsere gemeinsame Hoffnung darauf, dass wir einmal sterben können, ohne Angst davor haben zu müssen, in’s Bodenlose zu fallen.
Und dass wir aus dieser Hoffnung heute leben können: Der Not des Anderen zugewandt, weil unsere eigene höchste Not in Gott jemanden hat, dem wir sie anvertrauen können.
Das heißt: Im Herrn leben und sterben.
Drum: Streitet Euch, nichts dagegen, aber blast nicht jeden eurer Konflikte zu Fragen des rechten Glaubens und des ganzen Lebens und Sterbens auf. So verstehe ich Paulus.

Mein dritter Punkt:

Wenn ich Paulus so richtig verstanden haben, als ein Aufruf zu - sagen wir’s mit einem modernen Begriff - zu Toleranz, dann bleiben für uns immer noch eine Menge Fragen.

Denn der Brief an die Gemeinde in Rom wendet sich eben an eine Gemeinde.
Also an eine Gruppe, die zwar vielfältig und bunt ist, die aber einen gemeinsamen Bestand von Glaube und Bekenntnis teilt. Deshalb kann Paulus einen Bekenntnissatz zitieren und damit bei allen Beteiligten auf Einverständnis hoffen.

Die heutige Debatte um ethische Fragen aber wird in einer Gesellschaft ausgetragen, die sehr viel vielfältiger und bunter ist als eine christliche Gemeinde im 1. Jahrhundert.
Ein Bekenntnis zu Christus als Herr über Leben und Tod erfährt heute keineswegs mehr einhellige Zustimmung.

Wenn wir also den Predigttext als eine Art Aufruf zu Toleranz verstehen, weil doch die zentrale Glaubensperspektive eint, wo ethische Fragen trennen, dann können wir das sicher nicht eins zu eins auf heute übertragen.

Aber wir können trotzdem daraus lernen.
Für die Art z.B. wie unsere Kirchen sich zu ethischen Fragen äußern.
Dazu werden sie immer wieder angefragt, auch übrigens von jenen, die ansonsten den Kirchen eher fern stehen.
Unsere Haltung zu Sterbehilfe, zur Gentechnik, zur Flüchtlingsfrage haben auf die eine oder andere Weise etwas mit unserem umfassenderen Bild von uns, von der Welt und von Gott zu tun.
Deswegen halte ich es für gut und richtig, dass sich die Kirchen äußern.

Sie sollten sich in den Streit einmischen und dabei aus dem reichhaltigen Schatz ihrer Bilder und Traditionen schöpfen. Nicht nur die Kirchen übrigens, sondern durchaus jeder und jede von uns hat dazu den Auftrag.

Aber es sind immer zwei Botschaften, die dabei zur Sprache kommen müssen:
Eine eigene Stellungnahme, die natürlich zuallererst kenntnisreich sein muss.
Und in der etwas durchschimmert von der Hoffnung, von der wir eben gehört haben.
Und von dem Wissen um die Not des anderen.
Eine Stellungnahme, die jedenfalls nicht einfach nur nacherzählt und mit einer christlichen Begründung versieht, was andere sowieso schon gesagt haben, sonst braucht es sie nicht.

Und auf der anderen Seite muss von den Kirchen - von wem sonst? - eben auch das gesagt werden, was Paulus den Römern sagt:
Rüstet religiös ab!
Nicht jede Frage, die ihr dafür haltet, ist eine Frage von Glaube oder Nichtglaube.
Nicht die Anwendung von Gentechnik, nicht unser Verhalten in der Flüchtlingskrise, nicht die Haltung zur Sterbehilfe.
Es gibt Spielraum, Ethik, gerade christliche Ethik, eröffnet einen Raum von Entscheidungsmöglichkeiten, darin gibt es nicht nur schwarz und weiß, sondern jede Menge an Differenzierungen.
Nicht in allen ethischen Fragen steht immer gleich eine Entscheidung zwischen Himmel und Hölle an.
Man darf immer auch anderer Meinung sein.
Denn die letzten Fragen stehen nicht auf dem Spiel. Sie hat Gott in Christus schon beantwortet.

Der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.


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