"Sündenfall" ein Glücksfall?

"Sündenfall" ein Glücksfall?

Predigt zu Gen 3,1-19

Die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der Herr gemacht hatte, und sprach zu der Frau: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten?
Da sprach die Frau zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet!
Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.

Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon, und er aß. Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan, und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.
Und sie hörten Gott den Herrn, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes des Herrn unter den Bäumen im Garten.
Und Gott der Herr rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich.
Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du nicht gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen?
Da sprach Adam: Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum, und ich aß.
Da sprach Gott der Herr zur Frau: Warum hast du das getan? Die Frau sprach: Die Schlange betrog mich, so dass ich aß.
Da sprach Gott der Herr zu der Schlange: Weil du das getan hast, seist du verflucht, verstoßen aus allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Erde fressen dein Leben lang. Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen; der soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.
Und zur Frau sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, aber er soll dein Herr sein. Und zum Mann sprach er: Weil du gehorcht hast der Stimme deiner Frau und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen –, verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.

Diese Geschichte von der listigen Schlange, der gierigen und ehrgeizigen Eva, dem treuherzigen und etwas einfältigen Adam und schließlich von Gott, der die beiden aus dem Paradies vertreibt ..., diese Geschichte gehört sicher zu den bekanntesten, die wir in unserer jüdischen und christlichen Tradition aufbewahrt haben.

Vermutlich ist sie fast so bekannt wie die Weihnachtsgeschichte. Jedenfalls ist sie das, wovon Franz Beckenbauer sagt: We call it a Klassiker.
Und sie teilt das Schicksal aller Klassiker, dass viele sie interpretieren, und jeder sie ein klein wenig anders liest.

Das fängt schon in der Bibel an, ganz berühmt bei Paulus, der Christus als eine Art Anti-Adam erklärt.
Und es geht weiter bei Augustin, für den mit Adam und vor allem mit Eva die Erbsünde in die Welt gekommen ist.

Bis in die Popkultur unserer Tage brennen sich die Bilder dieser Geschichte ein:
Denken sie an die Schlange Kaa, die in der Zeichentrick-Version des Dschungelbuchs mit hypnotisch großen Augen säuselt: „Vertrau mir“.
Oder an die Werbung, die mit dem Symbol des Apfels spielt und ein Stück Paradies verspricht, wenn man nur die richtige Automarke kauft.

Vielleicht macht das den Klassiker aus: dass es unendlich viele Anknüpfungspunkte und Bezüge gibt. Und sicher macht auch das den Klassiker aus, dass es um die wirklich großen Themen, die wesentlichen Fragen in unserem Leben geht:
Die Sehnsucht nach dem heilen Leben im Paradies.
Oder die immer wieder quälende Versuchung, das Gute zu verfehlen.
Und dann die Schuld, die wir auf uns laden, nur deshalb, weil wir Menschen sind, wie Adam und Eva Menschen waren.
Und weil wir als Menschen offenbar gar nicht anders können, als immer wieder schuldig zu werden.

Das sind nur drei von den vielen Themen, die die Leser zu allen Zeiten in dieser Ur-Erzählung gefunden haben.
Diese Geschichte ist so unendlich reich und hat so viele Ebenen, dass ihr Stoff für viele Predigten ausreichen würde. Da ich aber nur einmal auf dieser schönen Kanzel stehe, muss ich mich auf drei Gedankengänge beschränken, die mir besonders wichtig sind:

Mein erster Gedanke
Natürlich wissen wir, dass diese Geschichte nicht wörtlich erzählt, was irgendwann in grauer Vorzeit passiert ist.
Die Geschichten von der Schöpfung, vom Paradies und der Vertreibung daraus, vom Turmbau zu Babel ... diese Geschichten wollen nicht so sehr erzählen, was einmal war.
Sie wollen vielmehr erzählen, was heute ist.

Und dieses Heute ist ziemlich weit gespannt.
Es umfasst das Heute der Erzähler aus dem uralten Volk Israel. Und es umfasst das Heute, in dem wir leben, und in dem wir am Sonntag Morgen im Gottesdienst diese Geschichte hören.
Denn es hat sich zwar vieles geändert in diesen vielleicht 3000 Jahren, seitdem die Geschichte das erste Mal erzählt wurde.
Das Wesentliche aber ist gleich geblieben:

Der Mensch lebt - aber er kennt Mühsal, Arbeit und Schweiß, er kennt Schmerzen und weiß, dass er irgendwann sterben muss.
Der Mensch mag glücklich sein - aber sein Glück ist ständig bedroht und nichts ist sicher für immer.
Der Mensch ist klug und weiß genau, was gut ist - aber viel zu oft gewinnt das Böse in ihm.

Warum gibt es Krankheit, Leiden, Schmerzen?
Warum gibt es den Streit, die Gewalt, den Krieg?
Warum gibt es Terror und Diktatur? Flucht und Vertreibung?

Wenn doch Gott diese Welt geschaffen hat, wenn sie sein Werk ist, warum dann all diese viele Not, die uns umgibt?
Warum gibt es so viel Schlechtes und Böses auf der Welt, wo Gott sie doch ursprünglich gut gemeint hat?
Die Menschen, die sich damals die Geschichte vom Paradies und der Vertreibung daraus erzählt haben, waren auf der Suche nach Antworten auf genau diese Fragen.

Und die Antwort, die sie mit dieser Geschichte gegeben haben, finde ich erstaunlich:
Sie haben den Grund für das Böse nicht im Himmel bei den Göttern gesucht,
noch in der Unterwelt beim Teufel.

Nicht irgendein zürnender Gott oder Satan ist schuld am Bösen, sondern niemand anderer als der Mensch selbst.
Der Mensch ist es, der seine Vertreibung aus dem Paradies selbst verursacht.
Adam und Eva sind verantwortlich und damit alle Menschen bis heute.
Das ist eine erstaunlich selbstkritische Erklärung,
die die Menschen sich mit dieser Geschichte damals gegeben haben.

Kein Götterkampf hat die Menschen zum willenlosen Spielball gemacht,
wie man es in der Umwelt Israels immer wieder lesen kann.

Und auch die Schlange ist nicht der Teufel aus der Unterwelt, so etwas wie ein Gegengott, der das Böse in die Welt gebracht hat. Denn erstens ist die Schlange selbst ein Geschöpf Gottes und keineswegs sein Gegenspieler.
Und zweitens hat sie mit ihrer Versuchung nur soviel Macht über die Menschen, wie die Menschen es zulassen.

Wer über das Böse in der Welt nachdenkt, so verstehe ich unseren Predigttext, muss zuallererst über seine eigene Verantwortung dafür nachdenken.

Das ist nicht leicht.
Schon Adam versucht, die Schuld auf Eva abzuwälzen.
Und Eva dann auf die Schlange.
So fängt die Reihe der Schuldzuweisungen an, die bis heute nicht aufhören.

Was aber bleibt, ist die Sehnsucht nach einem wahren Leben, ohne Schmerz und ohne Kampf, vielleicht sogar ohne Tod. Eine Ahnung noch vom Paradies. Aber die Rückkehr dorthin ist uns verstellt.

Mein zweiter Gedanke ...
... stammt eigentlich gar nicht von mir. Er stammt aus der jüdischen Auslegungstradition unseres Predigttextes. Besonders eindrucksvoll gehört habe ich ihn von Rabbiner Brandt, mit dem ich im Annahof einmal ein unglaublich spannendes und für mich sehr lehrreiches jüdisch-christliches Bibelgespräch führen durfte.

„Was ihr Christen Sündenfall nennt, das ist doch eigentlich ein Glücksfall“, hat er - wie immer sehr zugespitzt - formuliert. Und auch wenn ich länger habe überlegen müssen, da ist natürlich etwas dran.
Denn wer wären wir ohne die Früchte des Baumes der Erkenntnis?
Wer wären wir, wenn wir Gut und Böse nicht kennen würden, nicht unterscheiden könnten?
Wahrscheinlich wären wir ewige Träumer geblieben, die zwar friedlich, aber auch ein wenig dumpf vor sich hinleben würden. Alles das, worauf wir stolz sind, was wir uns erkämpft haben, Alles, was uns Menschen zu Menschen macht,
alles das gäbe es nicht.

Wer immer nur zufrieden und eins mit sich selbst ist, hat keine Energie, etwas Neues zu schaffen.

Keine Sehnsucht nach einer anderen, einer besseren Welt? Dann gäbe es auch keine Kultur, auf die wir doch so stolz sind.
Das Leben außerhalb des Paradieses ist zerrissen, ist spannungsvoll,
aber ohne diese Spannung hätten wir Menschen kaum die Energie für alles das, was wir hervorgebracht haben:

Wir könnten weder Bachs Matthäuspassion hören noch die unglaubliche Stimme von Adele.
Wir hätten weder Macbeth im Theater noch House of Cards auf Netflix.
Und, nein, nicht einmal die Bibel hätten wir, diese Texte, die so intensiv und dicht von nichts anderem erzählen als von dem Menschen, der sich von Gott entfremdet. Und von Gott, der diese Entfremdung überwinden will.

Ja, an der jüdischen Auslegung des Sündenfalls als Glücksfall ist schon etwas Wahres dran.

Wären wir im Paradies geblieben, hätten wir vor allem anderen das nicht, was uns vielleicht am deutlichsten ausmacht:
Wir hätten keine Freiheit.
Wir würden nicht einmal wissen, was Freiheit überhaupt ist. Wer nur Gehorsam kennt und wem Gutes und Böses gänzlich unbekannt ist, der hat von Freiheit keine Ahnung.

Niemand hat gesagt, dass Freiheit leicht ist.
Im Gegenteil, Freiheit kann unendlich anstrengend sein,
Sie überfordert uns ein um’s andere Mal.
Wie oft leiden wir daran, dass wir nicht wissen, was wir tun sollen.
Oder leiden daran, dass wir’s wissen, aber gerade das nicht tun, was richtig wäre.

Freiheit ist das, was uns Menschen ausmacht.
Auch wenn wir sie manchmal gerne abgeben würden.

Wir sind „zur Freiheit verurteilt“, das hat der nicht gerade besonders religiöse Philosoph Jean-Paul Sartre gesagt. Und er hat damit in ein paar Worten die Geschichte vom Sündenfall nacherzählt.
Die Welt außerhalb des Paradieses, die Welt der Freiheit, ist kein Schlaraffenland - aber sie ist auch nicht einfach die Strafe, die ein wütend schnaubender Gott den Menschen wegen ihres Ungehorsams im Paradies aufbrummt.

Die Welt, wie wir sie kennen, ist so, wie sie ist, weil wir Menschen frei sind.
Und weil wir diese Freiheit manchmal zum Guten nutzen, viel öfter aber zum Bösen.

Das führt mich direkt zu meinem dritten und letzten Gedanken:

„Wo bist Du, Adam?“, ruft Gott, als Adam und Eva vom Baum der Erkenntnis gegessen haben.

Nun ist es sicher nicht so, als ob Gott nicht ganz genau gewusst hätte, wo er die beiden finden würde.
„Wo bist Du, Adam?“, das lese ich deshalb eher als Aufforderung, sich Gott zu stellen, vor Gott gerade zu stehen für das, was er getan hat.
Denn die Freiheit bringt auch mit sich, dass wir Verantwortung übernehmen.

Und das fordert Gott nun ein: Stell dich Deiner Verantwortung, Adam!
Rechtfertige Dich für das, was Du getan hast!

Aber genau das tut Adam nicht. Er schlägt sich stattdessen in die Büsche und versteckt sich vor Gott.
Wie ein Kind, das sich die Hände vor die Augen hält und darauf hofft, übersehen und in Ruhe gelassen zu werden.

Hinter diesen Büschen und Bäumen des Paradiesgartens beginnt erst eigentlich die Entfremdung des Menschen von Gott, die Angst vor Gott;
die Unsicherheit, weil ich weiß, dass ich in meiner Freiheit auch Falsches tun kann.

Vielleicht ist ja das erst der eigentliche Sündenfall: Nun hat der Mensch die Freiheit,
aber schon für die erste eigene freie Tat lehnt er die Verantwortung ab und verdrückt sich ins Gebüsch.

Freiheit ohne Verantwortung gibt es nicht. Freiheit ohne Schuld auch nicht.
Vielleicht ist es genau hier, wo aus dem Glücksfall der Freiheit doch das Verhängnis wird:
Dass wir ihr einfach nicht gewachsen sind, dieser Freiheit, und uns vor ihren Folgen drücken.

„Wo bist Du, Adam?“ -
Gott ruft so alle Menschen, die frei sind, die selbständig sind, und die in ihrer Selbständigkeit dauernd in der Gefahr stehen, sich von Gott zu entfremden und das Gute zu verfehlen.

Es ist so einfach, der Versuchung nachzugeben und sich in die Büsche zu schlagen, statt ehrlich zu sagen „Hier bin ich, Herr“ und Verantwortung zu übernehmen für das, was wir tun oder was wir lassen.

Es ist so verführerisch einfach, auf die anderen zu schimpfen, auf die da oben, das Establishment, die Ausländer, die rechten, die Linken, die Umstände -
statt zu sagen: hier bin ich.
Ich kann selbst Verantwortung übernehmen,
ich muss selbst Verantwortung übernehmen,
auch wenn es schwer fällt,
auch wenn ich nicht weiß, wo anfangen
und ich immer in der Gefahr stehe, etwas falsch zu machen und schuldig zu werden.

Es ist so verlockend, wegzusehen, die Schultern zu zucken und zu fragen: was hat das mit mir zu tun?
Freiheit ist das, was alle Menschen auf der Welt eint,
Und was sie füreinander verantwortlich macht.
Dem kommen wir nicht aus, auch wenn wir uns für nicht zuständig erklären.

Zum Beispiel wenn religiöse Fanatiker Christen verfolgen. Oder Juden. Oder Muslime. Wenn überhaupt Menschen wegen ihres Glaubens verfolgt werden.
Oder wenn wie jetzt wieder ganz aktuell im Fernsehen die Bilder von hungernden Kindern in Ostafrika gezeigt werden.
Oder wenn die leeren Schlauchboote und die Hunderte von Leichen an die Strände Südeuropas angespült werden.

Ich weiß, die Probleme sind komplex, und ganz wenig auf der Welt ist in schwarz und weiß und gut und böse einzuteilen.
Aber: Welche politische Haltung man auch immer hat,
wie auch immer man etwa zur Flüchtlingsfrage stehen mag: In die Büsche schlagen geht nicht.

Unsere eigene Verantwortung werden wir nicht los, Nichtstun ist keine Option.

Das gehört auch zu den Folgen des Sündenfalls, der uns die Freiheit beschert hat,
aber auch eine große Menge an Verantwortung.

Öfter mal „Ich bin hier“ sagen.
Öfter mal Verantwortung übernehmen.
Vielleicht ist das ein guter Vorsatz für die Passionszeit, die jetzt vor uns liegt.
Erst ganz am Ende dieser Passionszeit scheint etwas auf,
das uns zeigt, dass Gott um die Not weiß, die unsere Freiheit mit sich bringt.

Dass er unser Leiden weiß, unser Leiden an an der Welt und an uns selbst, wie wir durch unsere Freiheit geworden sind.
Ganz am Ende der Passionszeit, an Karfreitag und Ostern, scheint etwas auf davon, dass Gott unser Leiden nicht kalt lässt, dass er sich unser erbarmt hat.

Dass er nicht aufhört uns zu suchen, gerade dann, wenn wir uns vor ihm verstecken wollen.
Aber nicht so, dass er uns unsere Freiheit und Verantwortung abnehmen kann.
Nur wer dieses Leiden wirklich durchlebt, kann am Ende die Erlösung spüren, die Gott in Christus gesandt hat.
Das ist dann ein existentielles Aufatmen, dass wir an unserer Verantwortung nicht ersticken müssen.

Amen.


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