Vom Sinn der Trinitätslehre

Vom Sinn der Trinitätslehre

Predigt am Sonntag Trinitatis

Trinitatis gehört nicht zu den beliebtesten der kirchlichen Feste.
Und das liegt nicht nur daran, dass es bei uns mitten in die Pfingstferien fällt - in eine Zeit also, die die meisten Menschen auf den Autobahnen, in den Bergen oder am Meer, und die wenigsten in den Kirchen verbringen.

Trinitatis, der Tag der Heiligen Dreifaltigkeit Gottes, macht es uns nicht leicht. Es gibt keine Bilder, keine Geschichten, an die wir uns halten können.

Was an Weihnachten geschah, das lässt sich erzählen: Mit Maria und Josef, dem Kind in der Krippe, den Hirten und schließlich den Königen.

Was an Karfreitag und Ostern geschah, auch davon lässt sich erzählen: Die Gefangennahme, das Kreuz, die Frauen am Grab, die Jünger, die dem Auferstandenen begegnen.

Von Christi Himmelfahrt, ja selbst von Pfingsten, dem Fest des an sich unanschaulichen Heiligen Geistes - selbst davon kann man erzählen. Wie der Geist die ängstlichen Jünger erfasste. Wie er sie hinaus auf die Straße trieb, zu predigen. So zu predigen, dass sie mit dem Evangelium alle Menschen erreichten.

Das sind Bilder, die berühren. Bilder, die geeignet sind, Jahrhunderte zu überspringen und die wir heute immer noch verstehen können.

Aber Trinitatis?
Die Lehre davon, dass es nur einen Gott gibt,
der uns aber in drei Personen begegnet?
Das klingt mühsam.
Es klingt nach Turnübungen des Verstandes,
wo wir in unserem Bild von Gott
uns doch Einfachheit, Klarheit und Sicherheit sehnen.

Es klingt nach angestaubter Theologie.
Vor Jahrhunderten erdacht - und heute nur noch Ballast,
den wir mit uns herumschleppen.

Tja, man könnte tatsächlich in Versuchung geraten, die Trinitätslehre abzuschaffen.
Kaum jemand versteht sie mehr -
und hinderlich ist sie auch noch.

Denn den Dialog mit Judentum und vor allem mit dem Islam
erschwert sie ja auch noch, die Trinitätslehre:
Muslime werfen uns vor,
dass wir nicht wirklich an nur einen Gott glauben.
Eigentlich, so sagen sie, betet ihr Christen drei Götter an.
Den Vater den Sohn und den Heiligen Geist.
Ihr behauptet zwar, dass diese drei eins sind.
Wie man sich das aber vorstellen soll,
das könnt ihr nicht erklären.
Und sie haben recht: Das können wir nicht erklären.
Niemand kann das, auch kein noch so gelehrter Theologe.

Wir glauben es aber.
Wir glauben an einen Gott, den es nicht im Himmel hält.
Wir glauben an einen Gott, der sich ohne Rückhalt,
ohne auf seine Majestät zu achten,
ohne sich vor dem Schmutz und der Schuld zu fürchten,
mit denen wir Menschen behaftet sind -
wir glauben an einen Gott, der sich ganz auf uns Menschen einlässt.

Wir glauben an einen Gott, der nicht nur in der Vergangenheit an uns Menschen interessiert war,
der nicht irgendwann einmal die Welt erschaffen und ihr dann den Rücken zugekehrt hat.

Wir glauben an Gott, der uns geschaffen hat,
der als Mensch auf die Welt gekommen ist,
und der immer noch und immer wieder da ist,
wenn wir uns an ihn wenden.

Und der eine Gott fächert sich in drei Personen auf,
weil er uns begegnen will. Weil wir ihm wichtig sind.
Nicht weil er gerade mal Lust auf uns hat - und diese Lust irgendwann vielleicht mal wieder verlieren könnte.
Sondern weil Gott Gott ist, und es zu seinem Wesen gehört.

Der Gott, an den wir glauben, ist kein einsamer Despot, der im Himmel sitzt,
uns Menschen von einem sicheren Ort aus zuschaut,
der die Unglücke und die Nöte und das Leid
mit einem Schulterzucken quittiert,
weil wir ihm letztlich egal sind.

Nein: Gott ist lebendig,
Gott liebt, Gott ist zornig, Gott ist barmherzig.
Nur eins ist Gott nicht:
Uninteressiert, gelangweilt, uns Menschen überdrüssig.

Nur so kann ich mir den Gott, an den ich glaube, vorstellen:
Gott ist lebendig - und er will eine starke Beziehung mit uns.
Das ist es, was die Trinitätslehre ausdrücken will,
nicht mehr und nicht weniger.

Und deswegen glaube ich überhaupt nicht,
dass wir diese Trinitätslehre in die Rumpelkammer
der Theologie abschieben sollten.
Sie ist nichts anderes als unser ziemlich unbeholfene Versuch,
Gott als den zu beschreiben, der uns begegnet.
Wirklich er - und wirklich uns:
In der Schöpfung, in Jesus Christus, und auch jetzt noch in unserem eigenen Glauben.

In Jesus, dem Menschen, ist Gott uns Menschen begegnet, das war der Ausgangspunkt für die Trinitätslehre.
Es war wirklich und wahrhaftig Gott, der uns in Jesus begegnet ist.
Die Menschen, die er geheilt hat, denen er erzählt hat, die ihm gefolgt sind,
die haben das gespürt.
Jesus hat ihnen nicht nur von Gott erzählt,
wie er ihn sich halt mal vorgestellt hat.
Nein, Gott ist so, wie ihn Jesus beschrieben hat,
Gott ist der liebende Vater, der sich um seine Kinder sorgt.
Der durchaus wütend auf sie sein kann -
und der sie, wenn sie sich seiner Liebe nicht verschließen,
am Ende in seine Arme nehmen wird.

Natürlich sind das Bilder.
Natürlich ist Gott mehr als ein Vater.
Er ist auch Mutter und er ist gleichzeitig viel mehr als beide zusammen.

Aber diese Bilder überspringen die Jahrhunderte.
Sie leuchten uns heute noch ein - und sie berühren auch heute noch unser Innerstes.

Die Trinitätslehre wäre also grundfalsch verstanden,
wenn man aus ihr nur eine intellektuelle Übung machen wollte.
Sie ist viel, viel mehr:
Sie ist unser Versuch, die Lebendigkeit, die Tiefe,
den Beziehungsreichtum Gottes auszudrücken.
Und erst so können wir ermessen, wer Gott für uns ist.

Genau das versucht Paulus im Römerbrief, im 11. Kapitel,
dem Predigttext für den heutigen Sonntag Trinitatis:

O Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes!
Wie unergründlich sind seine Entscheidungen
Und unerforschlich seine Wege!
Denn wer hat den Sinn des erkannt?
Und wer ist sein Ratgeber gewesen?
Oder wer hat ihm etwas geliehen,
dass Gott es ihm zurückgeben müsste?
Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge.
Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen

Der Predigttext erinnert uns daran,
dass wir Gott nicht erklären können.
Wir kriegen ihn nicht zu fassen,
auch nicht mit der ausgefeiltesten Trinitätstheologie.
Nichts, was wir denken könnten, reicht an Gott heran.

Das heißt aber nicht, dass wir unseren Verstand ausschalten sollen. Das heißt auch nicht, dass unser Verstand und unser Glaube nichts miteinander zu tun hätten.

Es wäre zu einfach und zu billig,
uns auf das Geheimnis Gottes zu berufen,
um nicht Auskunft geben zu müssen über unseren Glauben.
Um nicht nachdenken zu müssen, an wen wir glauben,
wenn wir an Gott glauben.

Es wäre zu einfach und zu billig,
wenn wir uns in fromme Floskeln flüchten,
angesichts des Elends und des Leids, das uns umgibt.

Gottes Wege sind unerforschlich, sagen wir dann zu jemandem,
der dieses Leid gerade hautnah erlebt.
Und meinen, ihn damit getröstet zu haben.
Haben wir nicht!

Trotz allem,
wirklich trotz allem, an der Liebe Gottes festzuhalten,
die Hoffnung auf ihn nicht zu verlieren,
das ist der Sinn des Glaubens an den dreieinigen Gott.
Und diesen Glauben können wir nicht selbst in uns machen,
den bewirkt Gott, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist in uns:

Der Gott, der uns geschaffen hat,
der uns als Mensch nahe gekommen ist,
und der auch jetzt bei uns ist,
uns treu ist und uns niemals verlässt.

Wenn jemand in seinem Gebet seine ganze Verzweiflung,
seine ganze Trauer Gott vor die Füße schleudert,
dann ist Gott da. Wirklich - und nicht nur eingebildet.
Gott ist da, wo wir uns an ihn wenden.

Wenn jemand seine Hoffnung nicht verliert,
obwohl die Erde um ihn wankt,
obwohl die Diagnose beim Arzt verheerend ist,
obwohl die Ehe auf dem Spiel steht,
dann ist Gott da.

Dass Menschen in Lebensumständen, in denen die Verzweiflung das Natürlichste wäre,
dass sich Menschen gegen die Verzweiflung stemmen und ihre Hoffnung nicht verlieren, das bewirkt Gottes Kraft.

Wenn jemand Not sieht und hilft, einfach so,
ohne an sich selbst zu denken, dann ist Gott da.
Gott ist die Kraft, über sich hinaus auch an andere zu denken.

Wenn sich Menschen wieder in die Augen schauen können,
die sich lange feind waren, dann ist das die Kraft Gottes.
Vergebung ist ein Geschenk Gottes:
wie er uns, so wir untereinander.

Wenn jemand sich trösten lässt,
obwohl die Worte der Menschen nichts sind als hilfloses Gestammel, dann ist Gott da.

Wenn jemand Erfolg hat und diesen Erfolg
nicht nur immer sich selbst zuschreibt.
Wenn er dafür Gott danken kann und die Menschen nicht vergisst, die ihm geholfen haben, dann ist Gott da.

In unserem Glauben, in unserer Liebe, in unserer Hoffnung,
da ist Gott.
Auch dann, wenn wir ihn nicht spüren können.
Wenn er schweigt, auch dann ist Gott nicht weg.
Wenn er das Leid nicht verhindert, das so unerträglich ist,
selbst dann ist Gott nicht einfach weg.

Wenn wir nicht verstehen können, wo er bleibt,
wenn wir auf unsere Gebete keine Antwort hören können,
selbst dann ist er mit seiner Liebe bei uns.

Das, und nichts anderes, will die Trinitätslehre deutlich machen.
Sie will Gott nicht erklären,
sie will Gott nicht zu einem Objekt unseres Verstandes machen.
Gott bleibt unergründlich und unerforschlich.
Er ist niemandem etwas schuldig
und braucht nicht den Rat von uns Menschen.

Die Trinitätslehre will uns trösten:
Auch wenn Gott für uns Menschen immer ein Geheimnis bleibt,
so ist er doch da.
Wir können uns an ihn wenden.
Er selbst gibt uns die Kraft dazu.
Nichts gibt es, was uns von ihm entfernen kann.

Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge.
Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen


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