Weihnachten gegen den Hass

Weihnachten gegen den Hass

Predigt am 24.12.2016 in der Barfüßerkirche Augsburg zu Joh 3,16f

„Lobt Gott, ihr Christen, alle gleich.“
Manchmal muss man gegen die Wirklichkeit ansingen.
Manchmal muss man singen, obwohl einem eigentlich gar nicht danach zumute ist.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht,
aber in diesen Tagen tue ich mich schwer mit dem Singen.
Selbst mit den Weihnachtsliedern, die ich so gern mag, tue ich mich schwer.
Und mit dem Gott loben erst recht.

Jetzt, am Ende dieses Jahres 2016, gibt es gefühlt nicht viel,
wofür ich spontan aufstehen möchte, um Gott zu loben.
Es war, weltpolitisch gesehen, ein düsteres Jahr.
Ein Jahr voll dunkler Vorzeichen und Vorahnungen,
voll von Krieg und Gewalt.

Ich muss die Namen der Orte und Länder gar nicht nennen,
wir alle haben sie im Kopf, die Bilder von Not und die Bilder von Gewalt,
die Bilder von unfassbaren Grausamkeiten.
Und dann Berlin, der Anschlag auf Menschen, die nichts anderes wollten, als ein bisschen Adventsatmosphäre auf dem Weihnachtsmarkt zu genießen.

Wir trauern mit den Angehörigen und fühlen mit den Verletzten mit.
Wie werden sie Weihnachten feiern in diesem Jahr?
Werden sie überhaupt jemals wieder Weihnachten feiern?
Oder sind Adventsschmuck, Weihnachtslieder und Glühweinduft
für sie für immer belastet mit dem Gift des Terrors?

Für Trauer und Mitgefühl bleibt unterdessen kaum Zeit.
Sehr schnell - viel zu schnell - folgt das immer gleiche Ritual der gegenseitigen Schuldzuweisungen.
Nur härter, lauter, schriller, unerbittlicher diesmal.

Unsere Gesellschaft, viele Gesellschaften sind in Aufruhr,
der Hass gräbt Abgründe zwischen Menschen.
Und wir wissen nicht, ob und wie wir diese Abgründe jemals werden zuschütten können.

Und trotzdem loben wir Gott.
Und trotzdem singen wir.
Wir singen von der gnadenbringenden Weihnachtszeit
wir singen vom Knaben im lockigen Haar,
während sich vor Europas Haustür die Menschen gnadenlos bekämpfen
und die Kinder um ihr Überleben bangen müssen.
Und während der Hass sich 40-Tonner als Waffe sucht, um damit wahllos Menschen zu ermorden.

Stille Nacht?
O du fröhliche?
Manche mögen uns das als Flucht auslegen.
Als Flucht vor der harten Wirklichkeit in den weihnachtlichen Kitsch.
Ich sehe das anders.

Ich glaube, dass Weihnachten auch eine Wirklichkeit ist.
Nicht weniger Wirklichkeit als der Terror.

Wenn wir die Geburt Gottes als Mensch auf dieser Welt feiern,
dann ist das gerade nicht Flucht vor der Welt.
Wir stellen uns der Wirklichkeit, wir stellen uns der Realität,
so wie Gott das auch getan hat, als er Mensch geworden ist.
Mensch in dieser Welt.
Die übrigens damals keineswegs friedlicher war als heute.

Aber Gott hat das anders getan, als wir es je könnten.
Er sich dieser Welt mit einer unendlich großen Liebe gestellt.
Mit viel mehr Liebe, als wir sie je aufbringen können.

Und sich von dieser Liebe Gottes anstecken zu lassen,
das ist der eigentlich Sinn von Weihnachten.

Im Johannes-Evangelium liest sich das so:
Also hat Gott die Welt geliebt,
dass er seinen eingeborenen Sohn gab,
damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden,
sondern das ewige Leben haben.
Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt,
dass er die Welt richte,
sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde.

Noch einmal:
Diese Liebe, die da an Weihnachten auf die Welt kommt,
sie ist nicht weniger wirklich als der Hass, den wir täglich erleben.
An die Liebe Gottes glauben statt an den Hass der Menschen,
das ist nicht Flucht in eine kitschige Scheinwelt,
sondern das ist harte Arbeit.
Aber Arbeit, die sich lohnt, weil sie die Welt verändert.

Die Liebe hat es schwer.
Sie ist auf die Welt gekommen in einem kleinen Kind am Ende der damaligen Welt.
In einem Stall, vollkommen schutzlos.
Das ist es, was von der Liebe am Anfang sichtbar war:
Ein kleines Kind, dessen Eltern ihm nicht mehr bieten konnten
als eine Futterkrippe, die sie zum Säuglingsbett umfunktioniert hatten. In einem zugigen Stall.
Und es sah nun wirklich nicht so aus, als ob dieses Kind irgendetwas bewegen würde auf der Welt.
Aber der Mensch, der damals geboren wurde, hat sich von der Liebe treiben lassen,
Er hat die Welt und ihre Abgründe nicht gescheut.
Er ist hingegangen zu denen, die es hart getroffen hat.
Zu den Aussätzigen und zu den Verbrechern,
zu den Abhängigen und zu den Fremden.
Er hat die Liebe gepredigt.
Die Liebe Gottes und die Liebe zwischen den Menschen.

Und schon damals waren die Menschen eher skeptisch,
wenn ihnen jemand mit der Liebe kam.
Sie haben in der Liebe die Kraft gesehen, die die herrschende Ordnung umstürzen kann.
Und ehe das geschehen konnte, haben sie Jesus lieber umgebracht.

Die Liebe hat es in der Tat schwer auf dieser Welt.
Sie hat es schwer, selbst wenn sie in Gestalt von Gottes Sohn auf die Erde kommt.
Aber sie ist die einzige Chance, die diese Welt hat.
Nichts anderes kann diese Welt retten, als die Liebe,
die von Gott kommt.

Von wem sollte sie auch sonst kommen?
Wir Menschen sind dazu von selbst offensichtlich nicht fähig.
Deshalb braucht es Weihnachten, deshalb sendet Gott seinen Sohn auf die Welt, dass wir in ihm sehen, was Liebe ist.
Und uns davon anstecken lassen.
Jesus hat die Menschen nicht beurteilt.
Jeder und jede war für ihn zuerst Mensch.
Geliebte Menschen, weil sie Geschöpfe Gottes waren.
Aus keinem anderen Grund.
Und dann erst waren sie Sünder,
kamen aus diesem oder jenem Volk,
hatten diese oder jene Meinung,
hatten dieses oder jenes getan.

Nicht richten wollte Jesus die Menschen nach ihren äußeren Taten, sondern lieben.
Und diese Liebe hat sie verändert.
Hat aus ihnen Menschen gemacht, die selbst lieben konnten.
Und so kann die Liebe weitergehen, weitergegeben werden.

Sie bleibt gefährdet.
Und sie ist es gerade wieder, die Liebe ist gefährdet in hohem Maß.

Was wir stattdessen spüren, ist der Hass, unerklärlicher Hass.
Wir brauchen nicht auf Terroristen zu schauen, um zu spüren, was Hass ist.
Es genügt, sich für ein paar Minuten die Kommentare
von ganz normalen, unauffälligen Menschen auf Facebook und Twitter anzusehen.
Da lernt man, wie Hass entsteht:
Durch Denkfaulheit, durch Rechthaberei, durch Unbelehrbarkeit.
Und dann ist man schnell dabei, im anderen nicht mehr einen Menschen mit halt einer anderen Meinung zu sehen,
sondern einen Gegner.

Aus einem Wettstreit mit Argumenten
wird ein Kampf mit allen Mitteln.
Erst mit Worten, dann mit Taten.
Mit Schmierereien an Hauswänden zum Beispiel,
mit Brandsätzen. Mit Rufmord sowieso.

Es ist unglaublich, wie schnell sich das gesellschaftliche Klima in Deutschland gewandelt hat.
Wie sehr Hass zu einem Problem geworden ist.
Wie sehr sich Menschen manipulieren lassen.
und meinen, nur extreme Positionen seien gute Positionen.
Die Mitte, der Kompromiss, das Abwägen,
sind zu Zeichen der Schwäche geworden.

Im Vergleich mit anderen Ländern sind das vielleicht kleine Sorgen.
Aber sie beschäftigen uns an diesem Heiligen Abend eben auch.
Zumindest mich.

Wir brauchen Weihnachten so dringend!
Dass die Menschen sich anstecken lassen von der Liebe,
die Gott damals für die Welt hatte.
Und die er immer noch hat.
Für diese Welt und ihre Menschen.
Trotz allem Grausamkeiten,
trotz aller Gewalt, trotz allem Leid,
das sich die Menschen gegenseitig antun.

Gott hat uns nicht vergessen.
Er ist in diese Welt gekommen, um uns zu heilen.
Das zu glauben, trotz allem,
das hat den Menschen durch die Jahrhunderte Mut und Zuversicht gegeben.
Und das kann auch uns Mut und Zuversicht geben.
Und die Kraft zur Liebe.

Und das tut es ja auch.
So viel Spendenbereitschaft hat es in Deutschland bisher kaum gegeben wie in diesem Jahr.
Und die Stadt Augsburg kann sich kaum retten vor Angeboten
von Menschen, die helfen wollen morgen, wenn hier alles evakuiert werden muss. Das finde ich unglaublich ermutigend.

Die Weihnachtsliebe, die von Gott kommt,
ist nicht kitschig, sie ist nicht einmal romantisch.
Sie ist, im Gegenteil, sehr nüchtern
und sieht, wo Not ist und wo etwas getan werden werden muss.

Sie sieht vor allem im anderen den Menschen, der von Gott geliebt ist, egal, was er getan, wie er gehandelt hat,
wie fremd und wie anders er oder sie mir auch sein mag.

Die Liebe, um die es an Weihnachten geht,
ist nicht naiv, nicht blind.
Sie sieht sehr genau, wo es ungerecht zugeht,
wo Not ist, wo die Schwachen von den Starken bedrängt werden.
Aber sie weiß auch, dass die Welt nicht mit Hass verändert wird.
Die Weihnachtsliebe lässt sich nicht vom Hass anstecken,
sie überlässt das Urteilen den Gerichten.
Und sie weigert sich, Menschen zu Feinden zu machen.

Gott ist auf die Welt gekommen.
Dieses Kind im Stall verändert nicht die Welt für uns.
Aber es will sie mit uns verändern.
Es will uns anstecken mit seiner Liebe,
uns ein Leben schenken, wie Gott es sich für uns wünscht.

Und ja, dazu hilft es, zu singen.
Laut zu singen.
Gegen den Hass in der Welt anzusingen.
Gott zu loben, auch wenn uns mehr nach Sorgen und Angst und Trauer und Wut ist.
Dass Gott auf die Welt kommt, das ist die größte Chance, die wir Menschen haben.
Wenn etwas die Welt verändern kann, dann seine Liebe.
Amen.


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